Handbuch 5. Auflage

982 Huber  auch selbst ihre Lernumwelt strukturieren können. Generell gilt, dass man von einem dynamischen Zusammenwirken der Bedingungen von Lern- schwierigkeiten ausgehen muss. Dies bedeutet, dass Änderungen an einem Ansatzpunkt, insbesondere bei personzentrierten Interventionen, auch Ver- änderungen im gesamten System der Zusammen- hänge auslösen. Interventionen dürfen also nicht auf die einzelnen Lernenden mit ihren Schwierig- keiten fixiert gesehen werden, sondern müssen immer die relevanten Person-Umwelt-Interaktio- nen erfassen, sonst bleibt ihre Wirksamkeit be- grenzt oder sie lösen sogar unerwartete Nebenwir- kungen aus. Schlussbemerkung Jeder Lernende ist ein Individuum mit subjekti- ven Erfahrungen, Wünschen, Strategien, kogniti- ven Strukturen, Emotionen, Ideen. Daher wird jeder Lernende das, was er in einer Lernsituation erfährt, nach seinen Vorerfahrungen interpretie- ren und verstehen, d. h. die neuen Inhalte und Erfahrungen mit seinen subjektiven Konzepten verknüpfen. Die Lernumwelt setzt also einen ständigen intra-personalen Austausch zwischen den Strukturen des Lehrangebots und den verfüg- baren kognitiven Strukturen der Lernenden in Gang. Außerdem laufen in den sozialen Lern- gruppen inter-personale Interaktionen ab zwi- schen den Lernenden und den Lernenden und Lehrenden – mit dem Effekt, dass jeder neue Ge- danke die Unterschiede und Ungewissheiten im Lernprozess unterstreicht. Im didaktischen Prin- zip des „dialogischen Lernens“ haben die Schwei- zer Pädagogen Ruf und Gallin (1998) diese Zu- sammenhänge für das Lehren und Lernen systematisiert. Wenn man den Grundgedanken akzeptiert, dass „die kulturelle Unterschiedlichkeit eine reiche und vielfältige Welt schafft, die das Spiel der Möglich- keiten erweitert und die menschlichen Fähigkeiten und Werte fördert“ (UNESCO 2005), erscheint eine methodische Homogenisierung der Prozesse menschlichen Lernens wenig angezeigt. Vor allem darf man nicht Lernende und deren Ideen jenseits der auf einen fiktiven Durchschnitt abgestellten Lehr- / Lernplanung ausgrenzen. Das Spiel der Möglichkeiten im sozialen Austausch hat Wygotski (1964) als zentralen Prozess des ständigen Wechsels zwischen Phasen der Interiorisation dessen, was ei- nem in der physischen und sozialen Umwelt be- gegnet, und Phasen der Exteriorisation der subjek- tiven Konstruktionen im Medium der Sprache beschrieben. Er verweist damit auf die Wechselpro- zesse zwischen simultanen kognitiven Strukturen und sequentiellen linguistischen Prozessen beim Lernen. Wygotskis Metapher für diese Wechsel- wirkungen ist eindrucksvoll: Er spricht von der Kondensation der Eindrücke in einer Wolke, deren Inhalt sich langsam als Regen niederschlägt. In je- dem Lernprozess müssen die Lernenden ihr Wissen neu strukturieren – für den Austausch mit den an- deren müssen sie ihre Gedanken als sprachliche Sequenz strukturieren. Um zu verstehen, was sie erleben und was die anderen dazu sagen, müssen sie die Inhalte simultan an die verfügbaren Struk- turen anknüpfen. Dieser ständige Wechselprozess führt zu Klärungen und Modifikationen – und in diesem Sinne ist der Dialog das wesentliche Me- dium des Lernens. Literatur Anastasi, A. (1958): Differential Psychology. The Macmillan Company, New York Bandura, A. (1976): Lernen am Modell. Ansätze zu einer so- zial-kognitiven Lerntheorie. Klett, Stuttgart Berlyne, D.E. (1960): Conflict, Arousal, and Curiosity. McGraw-Hill, New York Bloom, B.S. (1964): Stability and Change in Human Cha- racteristics. Wiley, New York Bolles, R.C. (1972): Reinforcement, Expectancy, and Lear- ning. Psychological Review 79, 394–409 Bollnow, O.F. (1965): Die anthropologische Betrachtungs- weise in der Pädagogik. Neue Deutsche Schule, Essen Broadhurst, P.L. (1959): The Interaction of Task Difficulty and Motivation: The Yerkes-Dodson Law Revived. Acta Psychologica 16, 321–338. Cronbach, L.J. (1957): The Two Disciplines of Psychology. American Psychologist 12, 671–684 Flammer, A. (1998): Entwicklungstheorien. Huber, Bern Gallimore, R., Tharp, R. (1992): Teaching Mind in Society: Teaching, Schooling, and Literate Discourse. In: Moll, L. (Hrsg.): Vygotsky and Education. Instructional Im- plications and Applications of Sociohistorical Psycho- logy. Cambridge University Press, Cambridge (MA), 175–205

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