Handbuch 5. Auflage

Lernen 981 Im Abschnitt über individuelle Unterschiede wurde oben aber darauf hingewiesen, dass nicht alle Men- schen ambivalente Situationen als Herausforderun- gen für Lernaktivitäten wertschätzen. Vielmehr ist nach dem Konstrukt der Ungewissheitstoleranz bei der Gestaltung von Lernumgebungen eine Wechsel- wirkung zwischen der Komplexität der äußeren Lernsituation und der individuellen Ungewissheits- orientierung der Lernenden zu erwarten. In empirischen Studien (Huber/Roth 1999) zeigte sich, dass insbesondere kooperative Lernsituationen, in denen die Mitglieder von Kleingruppen eine Viel- zahl an Vorschlägen, Sichtweisen und Ideen pro- duzieren, ungewissheitsorientierte Lernende eher zur Auseinandersetzung mit den anderen in der Gruppe und deren Gedanken aktivieren. Gewissheitsorientierte Lernende wurden dagegen eher zum Durchsetzen ihrer Sichtweisen gegen die anderen angeregt. Unter Leistungsaspekten bemer- kenswert ist, dass ungewissheitsorientierte Ler- nende in kooperativen Situationen mehr lernten als in traditionellem Unterricht, während gewiss- heitsorientierte Lernende in Situationen des sozia- len Austauschs sich schlechter fühlten und schlech- tere Leistungen erzielten (Huber et al. 1992). Bei der Konstruktion von Lernumwelten muss also die unterschiedliche individuelle Ungewissheits- toleranz berücksichtigt werden. Man darf nicht nur auf das unterschiedliche Leistungsniveau oder das Lerntempo der Lernenden Rücksicht nehmen (s. o.), sondern auch auf das unterschiedliche Be- dürfnis nach Strukturierung. Dazu kann man Ler- nenden mit geringerer Ungewissheitstoleranz mehr Hilfestellungen geben und Strukturangebote ma- chen. Kempas (1994) zeigte, dass auch für erwach- sene Lerner Möglichkeiten und Vorteile von Lehr- angeboten bestehen, die auf die Interaktion von Lernsituation und individueller Ungewissheits- toleranz eingehen. Lernschwierigkeiten Die Studien zu Wechselwirkungen zwischen Be- dingungen der Lernumwelt und individuellen Lernvoraussetzungen zeigen, dass es die „beste“ Lernumwelt für alle Lernenden nicht gibt. Man muss immer damit rechnen, dass manche Lernen- den in einer jeweils gegeben Lernsituation Schwie- rigkeiten haben. Man schreibt ihnen Lernschwie- rigkeiten zu, wenn sie gemäß der verbindlichen Normen für ihre Lernleistungen unterhalb eines tolerierbaren Schwankungsbereichs bleiben (Zie- linski 1998). Die Gründe dafür werden je nach Erklärungsansatz in der Persönlichkeit der Lernenden (z. B. Entwick- lungsstand, Intelligenz, Motivation, Selbstwert), in der Familie (z.B. Bildungserwartungen, soziale und affektive Distanz, Familien„kultur“), im schulischen Interaktionsklima (z.B. Erwartungshaltungen der Lehrer, soziale Position in der Lerngruppe) und in generellen soziokulturellen Bedingungen (z.B. Ver- hältnis von Bildungs- und Beschäftigungssystem) sowie in spezifischen Verknüpfungen dieser Fak- toren gesehen. Defizitmodelle erklären Lernschwie- rigkeiten durch die Verbindung von personalen und familialen Bedingungen, etwa durch mangelnde Entwicklungsförderung im Elternhaus u.a. auf- grund ökonomischer Deprivation der Familie. Dif- ferenzmodelle sehen das Verhältnis von familialen und schulischen Einflüssen, meist Unterschiede von Sozialisationsbedingungen in der Familie von denen der Schule als Ursache. Soziostrukturelle Modelle erklären die Entstehung von Lernschwierigkeiten mit schulischen und soziokulturellen Bedingungen, beispielsweise aufgrund geringer Möglichkeiten, in der gegebenen Lernumwelt subjektiv bedeutsame und für den Selbstwert förderliche Lernerfahrungen zu machen. Entsprechend setzen Präventions- und Interventi- onsmaßnahmen an der Person der Lernenden, an den Differenzen zwischen familialem Bezugs- und schulischem Anspruchssystem oder an fehlenden Möglichkeiten des selbstbestimmt-bedeutungsvol- len Lernens an. In personbezogenen Interventionen wird versucht, durch spezielle Förder- undTrainings- maßnahmen die an den geltenden Anforderungen gemessen defizitären Charakteristika der Lernenden positiv zu beeinflussen. Eher schulzentrierte Inter- ventionen nach dem Differenzmodell zielen darauf ab, Stigmatisierungsprozesse der Lernenden auf- grund von Diskrepanzen zwischen ihren subjektiven und den institutionell festgelegten Definitionen kritischer Situationen zu verhindern, so dass die Ver- festigung eines negativen Selbstkonzepts vermieden wird. Soziostrukturelle Interventionen versuchen die Lernumwelt so zu gestalten, dass Person und Umwelt tatsächlich in Wechselwirkung treten kön- nen, d.h. die Lernenden ihren Voraussetzungen ent- sprechende Explorationsmöglichkeiten finden und

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