Handbuch 5. Auflage

984  Liebe und Verantwortung Von Herbert E. Colla Der pädagogische Diskurs liebt die Liebe heute nicht mehr, analysiert Uhle (2007) und entfaltet die These, dass pädagogische Diskurse über Liebe in Bezug auf die öffentliche Erziehung „eher Ab- wehr und bezogen auf familiale Erziehung eher Gefährdungsdiskurse“ darstellen (Seichter 2007). In Diskursen zum sozialpädagogischen Handeln werden „[…] Fragen der emotionalen Fundierung sozialpädagogischen Handelns“ (Thiersch et al. 2006) hinsichtlich ihrer Funktionalität eher ver- nachlässigt und nicht als eine wichtige personale Dimension des sozialpädagogischen Könnens (Colla et al. 1999) bewertet (hierzu: Tetzer 2009; Meyer 2009). Brumlik (2006) stellt fest, dass der Begriff der Liebe im Verdacht steht, ein Überbleib- sel romantischer, vielleicht auch reformpädagogi- scher oder karitativer Bemühungen zu sein, das den Anschluss an die Modernisierung und damit einhergehender Professionalisierung verpasst hat. Brumlik versucht die Liebe als eine (pädagogische) Tugend zu rehabilitieren. Ausgehend vom Neuen Testament, im Anschluss an Fromm (1979), de- finiert er (2005) die Liebe als ein aktives Handeln, also nicht nur als ein Gefühl, und ordnet ihre Maßstäbe der neo-aristotelischen Theorie des ge- lungenen Lebens zu (Nussbaum 2002). Es ver- wundert, dass Liebe als „Deutungsmuster von Päd- agogik“ (Uhle /Gaus 2009) randständig angewandt wird, zumal die Nachbardisziplinen sich eindeutig mit der Liebe auseinandersetzen. Die Soziologie analysiert Liebe als Aussage über die Gesell- schaft – beschreibt Aspekte von unterschiedlicher Qualität der Kommunikation. Als Gegengewicht zur bloßen Zweckrationalität und zur formalisier- ten, affekt-neutralen Beziehung wird Liebe als eine der intimsten und für den Einzelnen zentrale Sozi- alform, oft verbunden mit Fragen der Sehnsucht nach Identität, Glück oder Wahrheit gesehen. Liebe als ein zentraler Aspekt des Intimsystems (Fuchs 1999) soll die massive Anonymisierung und damit einhergehende mögliche Kontaktgestörtheit und Fremdheitserfahrung im Alltag aufheben. Liebe hat als kulturelles Programm gleichzeitig eine Orientierungs- und Steuerungsfunktion, doku- mentiert damit auch einen Wandel von Gefühls- strukturen, Brüchen bisher gelebter Traditionen, aber auch von Veränderungen von kognitiver Welt- und Selbstwahrnehmung, sie sucht Verbindlichkeit als Grundlage von Gemeinsamkeit, vielleicht auch spiritueller Geborgenheit des Einzelnen (Luhmann 1982). Der Medienwissenschaftler Faulstich (2000, 2007) definiert Freundschaft als ein spezifisches Konzept von Liebe. Es ist eine dynamisch, per- sonal-emotionale, nicht sexuelle Beziehung. Freundschaft zwischen Erwachsenen wird geprägt durch Freiwilligkeit, Reziprozität, Selbstoffen- barung und Gleichheit. „Ihre Funktionen lassen sich heute vor allem auf einem personalen Bedeu- tungshorizont beschreiben, ergänzt durch die Ein- sicht in ihre soziale Konditionierung, gemäß gesell- schaftlichem Wandel allgemein“ (Faulstich; Nötzoldt-Linden 1994). Implizit enthalten die ka- nonischen soziologischen Theorien der Moderne, wenn schon nicht eine voll ausgereifte Theorie der Emotionen, so doch zumindest eine Reihe von Bezügen zu einzelnen Emotionen: Angst, Liebe, Ehrgeiz, Gleichgültigkeit, Schuld – diese Emotio- nen sind in den meisten historischen und soziolo- gischen Konzepten präsent, in denen es um Brüche geht, die die moderne Ära herbeigeführt haben (Illouz 2007). Liebe kann schließlich aber auch als eine nicht-kognitive Form einer kommunikativen Praxis, als personal-emotionale Bindung beschrie- ben werden (Burkart /Hahn 1998; Koppetsch 2005). Die Qualität eines speziellen Interaktions- verhältnisses und seine Bedeutung für eine Bera- tung oder Psychotherapie ist Gegenstand von The- rapieforschung (Grawe 2000). Rogers (1957) sieht Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art091, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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