Handbuch 5. Auflage

Liebe und Verantwortung 985 in ihr die notwendige und hinreichende Vorbedin- gung für die Wirksamkeit einer therapeutischen Intervention. „In allen sozialen Berufen ist die ei- gene Persönlichkeit das wichtigste Instrument; die Grenzen ihrer Belastbarkeit und Flexibilität sind zugleich die Grenzen unseres Handelns“ (Schmid- bauer 1992). Das Vertrauen in die Person des The- rapeuten gilt als wichtiger „support factor“, neben „learning factors“ und den „action factors“ in ei- nem Therapieprozess. Die Bindungstheorie postuliert, dass enge affektive Bindungen einzugehen ein universelles mensch- liches Bedürfnis ist. Dabei wird unter Bindung ein lang andauerndes affektives Band zu „ganz be- stimmten Personen, die nicht ohne weiteres aus- wechselbar sind“, (Seiffge-Krenke 2004) verstan- den. Die Hirnforschung weiß um die Bedeutung sozialer Beziehungen (Hüther 2002). Liebe gilt als Form sozialer Erfahrung, ohne die sich das Gehirn nicht adäquat entwickeln kann. Die neuronalen Verhaltensmuster, die der Mensch in der frühkind- lichen Entwicklung erlernt und in seinem Hirn gleichsam gebahnt hat, schaffen sein Verlangen, geliebt und anerkannt zu werden, befähigen ihn erst dazu, etwas anderes als sich selbst lieben zu können. Für Fuchs (2009) ist das Gehirn ein sozia- les Organ und ist für die Reifung auf zwischen- menschliche Beziehungen angewiesen. Formen der Liebe, die bislang als abweichend und als Perversion stigmatisiert (z. B. Bi- und Homo- sexualität, sexuelle Transidentitäten) wurden, werden jetzt in einen Normalitätsdiskurs gestellt, der in seinem Zusammenhang allerdings nur un- zureichend rezipiert wird (Giddens 1993; Fou- cault 1978). Eine Renaissance der Gefühle lässt sich auch in der Literatur aufzeigen. In der Literatur der sech- ziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde über Sexualität geschrieben, in den acht- ziger Jahren über die Liebe. Mit der Entdramati- sierung der Sexualität geht eine Entwicklung vom Trieb zum „designenten“ Verlangen einher. Es entsteht sowohl eine Wiederbelebung des Dis- kurses über bürgerliche Liebesvorstellungen als auch eine Enttraditionalisierung, d. h. eine Frei- setzung des sexuellen Verhaltens und der sexuellen Moral aus der traditionellen Ordnung und den Vorschriften in diesen Diskurs. Die traditionelle Moral wird durch die „Aushandlungsmoral“ im Sinne einer Diskursethik abgelöst. Die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen und die Gender­ equalisation der Sexualität ist ein Schwerpunkt- thema schreibender Frauen (Greis 1991). Liebe in all ihren Varianten und Deutungsmustern, z. B. Eigenliebe als Voraussetzung für Partnerliebe, Elternliebe, Freundschaft, ist auch in der Trivial- literatur ein marktgängiges, weil vermarktbares Dauerthema und wird widersprüchlich konzipiert. Sie erscheint entweder als distanzierte Übergabe oder als ein völliges sich Verlieren im Anderen bis hin zu Selbststilisierung, Rausch oder Passion. Im Fernsehen, insbesondere in den Talk-Shows des Privatfernsehens, findet eine Daueraktualisierung der Sexualität statt (Runkel 2003). Oft wird dabei die Intim- und Privatsphäre aufgehoben unter dem Signet, es ginge um „Wahrheit“, die „Wa(h)re Liebe“. Im Internet lässt sich die gesuchte sexuelle Selbstverwirklichung scheinbar realisieren, beson- ders jene, die als unmoralisch, verboten oder krankmachend gilt. „Gefährliche Liebschaften“ können folglich durch Affären in virtuellen Räu- men gelöst werden. Die Videospielindustrie hat ihrerseits Sex und Romantik entdeckt. Im virtuel- len Themenpark können die Spieler per Instant- Messengers oder Webcam kommunizieren und den „Sexmodus“ wechseln, bei dem sie auf einer Skala von „sexy“ (verschmust) bis zu „freak“ (ent- hemmt) ihre gefühlte Erregung bestimmen und dann im Menü verschiedene Praktiken auswählen können. Die Entfremdung wird weitergehen. Der Mensch bleibt dann mit sich selbst alleine. Auf Zärtlichkeit kann in dieser Logik verzichtet wer- den. Der pädagogische Diskurs und seine Probleme mit der Liebe Gegenläufig zu dieser allgemeinen Tendenz – so habe ich einleitend festgestellt – sind für die Päd- agogik und Sozialpädagogik starke Emotionen wie sinnliche Liebe oder geistige Haltungen wie eine „bedingungslose“ Freundschaft zur sozialpäd­ agogischen Klientel in Beschreibungen von sozi- alpädagogisch verantworteten Beziehungen nicht (mehr) zu finden. Liebe ordnet man, wenn sie überhaupt thematisiert wird, der pädagogischen Teildisziplin Sexualpädagogik zu. Die Auseinan- dersetzung reduziert sich dann schwerpunkt- mäßig auf die Pubertät, betont die Bedeutung der

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