Handbuch 5. Auflage

Liebe und Verantwortung 989 pädagogischen Bezuges bedeutet das, dass er im erwarteten und zugemuteten Selbsttätigkeitspro- zess an die Richtigkeit von Grundsätzen glaubt, die er noch nicht kennt, die aber sein zukünftiges Ver- halten im Alltag steuern sollen. Das Vertrauen kann durch den Verzicht auf Kontrolle missbraucht werden. Das Vertrauen ist reziprok angelegt, und es bedarf der Zeit, es muss sich im pädagogischen Umgang etablieren, die Atmosphäre der Einrich- tung wird den Aufbau und die Entwicklung des Verhaltens mitbeeinflussen, z. B. inwieweit Diskre- tion möglich ist. Dafür haben die Pädagogen Ver- antwortung zu übernehmen. Der Anfangskontakt ist geprägt durch das Erfahrungsgut des Klienten und seiner Sozialisation und ob die Grundeinstel- lung zum Interaktionspartner Sympathie aufkom- men lässt. Biographische Hintergründe können eine Annahme eines Vertrauensverhältnisses er- schweren, wenn z. B. unaufgearbeitete psychische oder psychiatrische Störungen oder manifestes Suchtverhalten vorliegen. Der Sozialpädagoge muss damit rechnen, dass die den pädagogischen Bezug prägende Liebe oder Haltung wiederholt infrage gestellt wird, bis es zu einer offenen Kommunika- tion kommt. Als Konstitution für Vertrauen gilt u. a. die Konsistenz des Verhaltens des Pädagogen und dass er seine Versprechen einhält. Er soll den Klienten gegenüber seine Kompetenzen im Alltag und in der sozialarbeiterischen Praxis erfahrbar machen können, dazu gehört dann auch die Fähig- keit zur Strukturierung von Verhältnissen und zu vermitteln in Konflikten. „Wo ich vertraue, han- dele ich selbst besser, wo mir vertraut wird, fühle ich mich gebunden und bekomme Kräfte über mein Maß“ (Nohl / Pallat 1933). Ausblick Liebe lässt sich nicht durch einen einzigen Aspekt oder ein einziges Merkmal abschließend erklären, vielleicht aber durch eine Mehrzahl von Merkma- len, dies dann in einer einzigartigen Mischung. Vielleicht ist dem Phänomen Liebe wissenschaft- lich nicht abschließend beizukommen. Liebe er- eignet sich in Begegnungen, weniger geplant, eher spontan, sie „widerfährt“ demMenschen. Dennoch gilt für die sozialpädagogisch verantwortete Praxis: das Einfühlen durch ein Nachdenken zu justieren. Gefühle sollen kritisch akzeptiert und kultiviert werden. Professionelle werden sich fragen müssen: Wie können wir verantwortet pädagogische Liebe in unsere Praxen einbringen? Die Ausbildung hat die Frage zu beantworten: Wie lässt sich für die professionelle Gestaltung pädagogische Liebe leh- ren und lernen? Literatur Ansen, H. (2009): Beziehung als Methode in der Sozialen Arbeit – ein Widerspruch in sich? Soziale Arbeit 10, 381– 389 Behnisch, M. (2005): Pädagogische Beziehung. Zur Funk- tion und Verwendungslogik eines Topos der Jugendhilfe. Ergon, Würzburg Blüher, H. (1912): Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen. Lichtenrade, Berlin Bonhoeffer, M. (1965): Das Haus auf der Hufe. In: Neue Sammlung. Band 5, 64–76 Brumlik, M. (2006): Freundschaft und Glück. In: Dörping- haus, A., Helmer, K. (Hrsg.): Ethos – Bildung – Argu- mentation. Königshausen und Neumann, Würzburg, 83– 99 – (2005): Zu einer Theorie der Liebe. In: Plewig, H.J., Rich- ter, H. (Hrsg.): Dialogisches Verstehen. Lang, Frank- furt/M., 29–42 Buber, M. (1953): Reden über Erziehung. Schneider, Heidel- berg Burkart, G., Hahn, K. (Hrsg.) (1998): Liebe am Ende des 20. Jahrhunderts. Leske&Budrich, Opladen Colla, H. E., Gabriel, T., Milham, S., Müller-Teusler, S., Winkler, M.: (Hrsg.) (1999): Handbuch Heimerziehung und Pflegekinderwesen in Europa. Handbook Resi- dential and Foster Care in Europe. Luchterhand, Neu- wied Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M.H. (Hrsg.) (2005): Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD- 10 Kapitel V (F); klinisch-diagnostische Leitlinien. 5., durchges. und erg. Aufl. Huber, Bern Dörr, M., Müller, B. (2007): Nähe und Distanz. Ein Span- nungsfeld pädagogischer Professionalität. 2.Aufl. Juventa, Weinheim Faulstich, W. (2007): Was heißt Freundschaft? Anatomie ei- ner Beziehung aus kulturwissenschaftlicher Sicht. In: Faul- stich, W. (Hrsg.): Beziehungskulturen. Fink, München, 58–70  – (2000): Medienkulturen. Fink, München Foucault, M. (1978): Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Dt. Ausg. Merve, Berlin Frankfurt, H.G. (2005): Gründe der Liebe. Aus dem ameri- kan. von Hartmann, M. Suhrkamp, Frankfurt/M.

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