Handbuch 5. Auflage

991 Managerialismus Von Hans-Uwe Otto und Holger Ziegler Managerialismus als Glaubenssystem In seiner Analyse zu veränderten Formen der Re- gierung des Sozialen hebt der australische Soziologe Pat O’Malley (2009, 8) hervor, dass jene neuen Governanceformen, die er als „fortgeschrittener Liberalismus“ („advanced liberalism“) beschreibt, im hohen Maße auf „an array of calculative and more abstract technologies, including budget dis- ciplines, audit and accountancy“ aufbaue. Diese Technologien würden von Professionellen und an- deren Vertretern des öffentlichen Dienstes verlan- gen, ihr „esoterisches“ Wissen in eine Sprache von Kosten und Nutzen zu übersetzen „that can be gi- ven an accounting value, and made ,transparent‘ to scrutiny. […Thus] the authority of experts is de- termined not by their own professional criteria, but by the play of the market“. Dieses Programm des „fortgeschrittenen Liberalis- mus“ ist in vielerlei Hinsicht deckungsgleich mit jener Ausformung der so genannten „Neuen Steue- rungsmodelle“ im öffentlichen Sektor, die in der internationalen Debatte als Managerialismus be- schrieben wird. Der Begriff des Managerialismus hat nichts mit Management per se bzw. damit zu tun, dass eine in Organisationen verortete professionelle Soziale Ar- beit verwaltet wird und verwaltet werden muss. Soziale Arbeit findet in Organisationen statt. In diesen Organisationen ist es das Management, das professionelle Soziale Arbeit ermöglicht und koor- diniert (Grunwald / Steinbacher 2007). Eine vor- herrschende Form des Managements im öffent- lichen Sektor imWohlfahrtsstaat war lange Zeit die „konditional-programmierte“ hierarchische büro- kratische Verwaltung. Es war ein wesentlicher An- spruch der Neuen Steuerungsmodelle, diese Form der Verwaltung zurückzudrängen. In einem ge­ wissen Sinn war es der Managerialismus, der insbe- sondere seit den 1990er Jahren ideologisch und teilweise auch praktisch an die Stelle der Wohl- fahrtsbürokratie und des mit ihm verbundenen „bureau-professionalism“ gerückt ist (Gerwitz et al. 1995; Otto / Ziegler 2006). Auch wenn der Managerialismus auf Konzepte und Instrumente der Managementtheorie bzw. Manage- mentlehre zurückgreift – zum Arsenal gehören etwa die flächendeckend verbreiteten Instrumente des Kontraktmanagements, der dezentralen Ressourcen- verantwortung, der Kosten- und Leistungsrechnung, der Budgetierung und des Controlling – unterschei- det sich der Managerialismus von der Management- theorie in der Form, dass die Managementtheorie zunächst „neutrale“ analytische Werkzeuge liefert, während der Managerialismus diese Werkzeuge sozi- altechnologisch appliziert und dabei sichtbar Glau- bensbekenntnisse an normative Rationalitätsmythen (Meyer/Rowan 1977) formuliert. Vor diesem Hin- tergrund ist plausibel, wenn in der internationalen Literatur unter Managerialismus weniger verwal- tungswissenschaftlich fundierte Techniken, sondern vielmehr ein politisches und moralisches Programm verstanden wird. Der Managerialismus ist dann vor allem ein Bündel von Glaubenssätzen, Orientierun- gen und Praktiken (Pollitt 1993; Clarke et al. 2000). Basierend auf den Glauben an die Gestaltungskraft des Managements und die der Dreifaltigkeit „mana- gers, markets and measurement“ (Ferlie/Steane 2002, 1461) stellt der Managerialimus eine spezi- fische, ideologische Form der Anwendung von In- strumenten der Managementlehre dar (Grey 1996; Davies/Ryan 2006), in dessen Mittelpunkt die (un- geprüfte) Annahme steht, dass weniger eine Steige- rung der Professionalität der Fachkräfte, sondern vielmehr ein systematischer Einsatz der überlegenen Techniken des Managements eine effektive und nachhaltige Lösung drängender ökonomischer und Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art092, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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