Handbuch 5. Auflage
1004 Iser · Wandrey Konfliktsystematik fließt i. d.R. direkt in die Kon- fliktanalyse und die Theorien zur -intervention mit ein. Das im deutschsprachigen Raum am häufigsten rezipierte Modell der Konflikttypen, Basismecha- nismen und Eskalationsstufen von Glasl stellt hier- bei sowohl eine differenzierte Theorie Sozialer Konflikte als auch ein Instrumentarium der Kon- fliktdiagnose dar (1990). Für eine Interventions- vorbereitung im Feld der Sozialen Arbeit wird es durch Wandreys (2004) Diagnosemodell des sog. „Konfliktwürfels“ konkretisiert, das hilft, die Mehrdimensionalität zwischenmenschlicher Kon- flikte systematisch zu betrachten. Hierbei wird zur Betrachtung des Konfliktausmaßes das Eskalations- stufenmodell von Glasl herangezogen. Zweitens wird mit dem Konfliktumfeld nach dem Kontext des Konflikts geschaut. Konfliktinhalte werden drittens nach Verhandlungs-, Klärungs- und Wür- digungsthemen unterschieden. Mit der Konflikt- gestalt als vierter Perspektive wird das systemische Zusammenspiel der Konfliktparteien beleuchtet. Um ausgehend von der Situation und den Ressour- cen für die Konfliktbearbeitung ein passendes Ver- fahren der Konfliktintervention zu ermitteln, er- gänzt Iser (2008, 441 ff.) Glasls Eskalationsstufen im Modell der „Verfahrens-, Situations- und Kon- fliktdiagnose“ durch die Analyse der Ebenen, auf denen interveniert wird (Person, Beziehung, Struk- tur und / oder Kulturen) und durch Fragen zur von den Konfliktbetroffenen zugelassenen Interventi- onstiefe (Wer ist zur Konfliktklärung bereit? Wie viel Zeit wird für die Konfliktklärung investiert? Auf welchen Ebenen darf interveniert werden? Welche grundlegenden Werte bestehen?). Dies er- möglicht es, eine situationsadäquate Verfahrens- wahl zu treffen. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es zentral von der Umgangsweise mit Konflikten abhängt, ob sie produktiv nutzbar werden können oder aber destruktiv wirken. Zur konstruktiven Wendung trägt laut der skizzierten Positionen bei, wenn statt einer Wettbewerbssituation eine koope- rative Situation besteht oder geschaffen wird, wenn Lösungen vorwiegend durch Aushandlung und nicht durch Macht oder Regeln gefunden werden und wenn bei der Aushandlung eine gemeinsame Problemlösung stattfindet, so dass sie für alle Betei- ligten auch Vorteile ermöglicht („win-win“-Lösun- gen). Notwendig scheint weiterhin zu sein, dass eine geregelte Entscheidungsfindung ermöglicht wird und Differenzen nicht harmonisiert, sondern als Unterschiede wahrgenommen und in ihrer Be- rechtigung für die andere Seite „übersetzt“ wer- den. Soziale Arbeit als personenbezogene Konflikthilfe – Ansätze, Arbeitsfelder und Methodik Konflikte sind in denTätigkeitsfeldern der Sozialen Arbeit nahezu allgegenwärtig. Sie stellen eine Auf- gabe in allen Bereichen der Hilfen zur Erziehung ebenso dar, wie (oft auf breiterer Ebene) in der Ge- meinwesenarbeit. Kinder- und Jugendarbeit, Ju- gendsozialarbeit, die Arbeit in Kindertagesstätten aber auch die in der Suchtberatung, mit psychisch Kranken oder Obdachlosen fordern einen kom- petenten Umgang mit Konflikten als notwendiger und häufig sogar zentraler Schlüsselkompetenz von den Fachkräften der Sozialen Arbeit ab. Das me- thodische Spektrum Sozialer Arbeit reicht hierbei von beratenden über vermittelnde bis hin zu kon- frontierenden Handlungsansätzen. Die häufigste Form der Konflikthilfe in der Sozia- len Arbeit stellt die psychosoziale (Einzel-)Beratung von Menschen in Konfliktsituationen dar. Ur- sprünglich in therapeutischen Arbeitskontexten entwickelt sind hier v. a. die methodischen Ansätze der Klärungshilfe (Thomann / Schulz von Thun 1988) sowie der lösungsorientierten Beratung (de Shazer 1988) in der Praxis weit verbreitet. Die hier- bei angewandten Gesprächsführungsmethoden und -techniken zählen mittlerweile in allen Feldern der Einzelfallhilfe nahezu selbstverständlich zum Handlungsrepertoire Sozialer Arbeit, so dass auf diese hier nicht weiter eingegangen wird (s. wei- terführend → Nestmann / Sieckendiek, Beratung; Schneider /Heidenreich, Therapie und Soziale Ar- beit). Angesichts ihrer seit 1995 zunehmend er- folgten gesetzlichen Verankerung und Verbreitung in der Praxis Sozialer Arbeit wird hier v. a. auf die Mediation als aktuell bedeutsamsten Handlungs- ansatz personenbezogener Konflikthilfe eingegan- gen.
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