Handbuch 5. Auflage
1006 Iser · Wandrey ein breites Spektrum unterschiedlicher Konflikt- ■ ■ konstellationen zunächst unspezifisch bei den ge- rade erreichbaren Vor-Ort-Strukturen Sozialer Ar- beit anlandet, die Inanspruchnahme aus einem zunächst noch ■ ■ undifferenzierten Problemdruck heraus und mit der Erwartung parteilicher Unterstützung geschieht, sich Konfliktparteien oftmals in Multiproblemlagen ■ ■ befinden, in denen vor, neben und nach einer Me- diation weitergehende individuelle Unterstüt- zungsleistungen erforderlich sind, Soziale Arbeit mit vergleichsweise hocheskalierten ■ ■ Konflikten konfrontiert ist, zu deren Merkmalen es gehört, dass eine Vermittlungslösung von den Kon- fliktparteien oftmals nicht mehr für möglich gehal- ten wird und nur auf dem Wege proaktiver Inter- vention von außen in den Fokus geraten kann – und damit oftmals erhebliche Machtunterschiede zwischen ■ ■ den Konfliktparteien bestehen, so dass nur durch Einsatz von Empowermentstrategien die Voraus- setzungen für eine Mediation geschaffen werden können, es sich häufig um – teilweise langanhaltende und ■ ■ hocheskalierte – Beziehungskonflikte handelt, die mit starken Emotionen und psychischen Beein- trächtigungen bis hin zu Traumatisierungen ver- bunden sein können, die dann ggf. die Vermittlung weitergehender therapeutischer Hilfen erforderlich machen, das Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle ■ ■ durch die Mediation nicht aufgehoben ist. Individuelles Fallverstehen und fachliches Handeln auf der Basis sorgfältiger Auftrags- und Rollenklä- rung sowie am Fall begründete, nachvollziehbare Arbeitshypothesen sind daher unabdingbare Vor aussetzungen für einen fachgerechten Einsatz von Mediation in der Sozialen Arbeit. Inzwischen besteht ein breiter Erfahrungsschatz mit Mediation in den verschiedenen Feldern der Sozialen Arbeit, der eine Systematik der Mediation und weiterer Konfliktinterventionsformen als sozi- alpädagogische Interventionen ermöglicht. Der Anfang dafür findet sich bei Franz Herrmann, der „dem Phänomen ,Konflikt‘ einen systematischen Ort in der Sozialen Arbeit zu geben“ versucht, in- dem er den „spezifischen Zugang Sozialer Arbeit zu Konflikten näher [bestimmt], auch in Abgrenzung zu anderen Professionen wie JuristInnen, Polizis- tInnen, TherapeutInnen, mit denen Fachkräfte aus der Sozialen Arbeit häufig kooperieren müssen“ (2006, 12). Dennoch ist im Verhältnis zur praktischen Rele- vanz Sozialer Arbeit für Mediation die originär so- zialpädagogisch verfasste Literatur zur Mediation (mit Ausnahme des Täter-Opfer-Ausgleichs) noch eher schmal. Es dominieren Praxisberichte, wäh- rend es nur wenige Anschlüsse zwischen der Dis- kussion von Mediation auf der einen und Theorien der Sozialen Arbeit auf der anderen Seite gibt, wie bei Kleve (2002), Wandrey (2004), Herrmann (2006) und Iser (2008), die den spezifischen Zu- gang Sozialer Arbeit zur Mediation und den Bei- trag von Mediation zu Professionalisierung und Qualitätsentwicklung bestimmen. Eine ausdifferenzierte Systematik fehlt bisher noch, in der die Anwendungsbereiche der Mediation in den Feldern der Sozialen Arbeit in den Anforde- rungen und Grenzen beleuchtet werden. Dabei stellt sich zugleich ein Begriffs- und ein systemati- sches Problem, das sich in zwei kontroversen Posi- tionen in der Literatur wie in der Praxis spiegelt: ist es besser, eine enge Begrifflichkeit von Mediation in Abgrenzung zu anderen Konfliktregelungsfor- men zu wählen (z. B. Herrmann 2006) oder Me- diation fallorientiert zu modifizieren und anzupas- sen,unterAusweitungdesMediationsverständnisses? Das Spektrum an Mediationskonzepten erstreckt sich von interesse- und ergebnisorientierten (Fisher et al. 2002) über sog. transformative Mediationen, bei denen es stärker um einen Zuwachs an Kon- fliktkompetenz bei den Konfliktbeteiligten geht (z. B. Montada /Kals 2001), bis hin zu konfrontati- ven Formen (Formen der Mediation s. Glasl 2003, 115). Um der Vielfalt an Konzepten und der in der Sozialen Arbeit notwendigen Fallorientierung zu begegnen, verwenden wir daher im Weiteren den umfassenderen Begriff der Konflikthilfe. Wichtige Beiträge Sozialer Arbeit zur Professionalisierung der Konflikthilfe Den ersten und zugleich zentralen Beitrag, den Soziale Arbeit für die professionelle Gestaltung von Konflikthilfe leisten kann, ist ihr Verständnis der reflexiven Professionalität und die langjährige Diskussion und Erfahrung dieser fallbezogenen
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=