Handbuch 5. Auflage
Mediation als Konflikthilfe 1007 Form professionellen Handelns, das sich durch die permanente (hermeneutisch-interpretative) Verschränkung von systematisch entwickeltem wissenschaftlichen Wissen mit der situativen Ana- lyse und Deutung des je gegebenen Praxispro- blems auszeichnet. Reflexive Professionalität birgt in sich (mindestens) zwei unauflösbare Parado- xien, die es auszuhalten und als Ressource zu nut- zen gilt, um der Komplexität von Konflikthilfe- prozessen adäquat begegnen zu können. Das ist zum einen die Notwendigkeit, Fallverstehen und Theorie bei Anerkennung ihrer unhintergehbaren Widersprüchlichkeit gleichzeitig anzuwenden und zu nutzen. Es ist zum zweiten das Paradox, als Professionelle Empowerment, Partizipation und Selbstverantwortlichkeit zu stärken und zu fördern (z. B. Pelikan 1999). Für beide Aspekte wird Reflexivität zum zentralen Faktor für Pro- fessionalität (z. B. Steinbacher 2004). Eng damit verbunden ist die Grundfigur der „stell- vertretenden Deutung“ als professionellem Han- deln, das sich lebenslagenhermeneutisch und eben nicht nur expertokratisch geriert und damit ein Modell v. a. für das Handeln als Mediatorin sein kann. Über diese eingeführte Grundfigur der stell- vertretenden Deutung als quasi „kontrollierter Gestaltung“ eines gegebenen und bewussten Ungleichheitsverhältnisses aber geht die sozialpäd agogische Diskussion und Reflexion der Grenzen von stellvertretender Deutung hinaus. Gerade im Kontext von Konflikthilfe – und daraus erwach- senden neuen Methoden der Konfliktregelung, die die Entscheidungsmacht bei den betroffenen Per- sonen belassen, – gewinnt die Figur der Mäeutik neuen Raum, indem die Menschen darin unter- stützt werden, zu ihren eigenen Entscheidungen und Lösungen zu finden (z. B. Pelikan 1999). Auch die Erfahrung im reflektierten Umgang mit der Doppelfunktion von Hilfe und Kontrolle ist (als immanente Aufgabe) eine Stärke Sozialer Ar- beit. Diese Kompetenz ist dort existentiell, wo die Freiwilligkeit des Zugangs zur Konflikthilfe nicht mehr gegeben ist. Soziale Arbeit als Mittlerin zwischen Individuen und Gesellschaft ist durch ihren Doppelauftrag von Hilfe und Kontrolle i. d. R. auf vielen Ebenen mit dem Auftrag der Mehrparteilichkeit und des Ausgleiches betraut. Neben der Reflexion der eige- nen professionellen Rolle und Macht ist dem sozi- alpädagogischen Diskurs auch die Reflexion von Ungleichheitsverhältnissen und Machtgefällen zwi- schen Nutzer(inne)n Sozialer Arbeit eine vertraute Sichtweise. Hierdurch bestehen für die Mediation auf einer sehr breiten Ebene Anschlussmöglichkei- ten an Konzepte und Theorien Sozialer Arbeit (ausführlicher Iser 2008, 112 ff.). In diesem Sinne eine ideologiekritische und refle- xive Position und Handlungsform zu finden und zu wahren, stellt eine Daueraufgabe Sozialer Arbeit als Konflikthilfe dar. Literatur Berkel, K. (1984): Konfliktforschung und Konfliktbewälti- gung. Ein organisationspsychologischer Ansatz. Duncker+ Humblot, Berlin Besemer, C. (1999): Mediation – Vermittlung in Konflikten. 6.Aufl. Stiftung Gewaltfreies Leben, Königsfeld Bitzan, M. (2000): Konflikt und Eigensinn. Die Lebenswelt- orientierung repolitisieren. Neue Praxis 30, 335–346 –, Klöck, T. (1993): „Wer streitet denn mit Aschenputtel?“ Konfliktorientierung und Geschlechterdifferenz. AG SPAK, München Fisher, R., Ury, W., Patton, B. (2002): Das Harvard-Konzept. Sachgerecht verhandeln – erfolgreich verhandeln. Cam- pus, Frankfurt/M. Glasl, F. (2003): Das Anwendungsspektrum unterschiedlicher Mediationsformen. Ein kontingenztheoretisches Modell. In: Metha, G., Rückert, K. (Hrsg.): Mediation und Demo- kratie. Neue Wege des Konfliktmanagements in größeren Organisationen. Carl Auer, Heidelberg, 102–119 – (1990): Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Füh- rungskräfte, Beraterinnen und Berater. Haupt, Bern Grunwald, K., Thiersch, H. (Hrsg.) (2004): Praxis Lebens- weltorientierter Sozialer Arbeit. Juventa, Weinheim/Mün- chen, 13–39 Hamburger, F. (2003): Einführung in die Sozialpädagogik. Kohlhammer, Stuttgart Heiner, M. (2004): Professionalität in der Sozialen Arbeit. Theoretische Konzepte, Modelle und empirische Perspek- tiven. Kohlhammer, Stuttgart Herrmann, F. (2006): Konfliktarbeit. Theorie und Methodik Sozialer Arbeit in Konflikten. VS, Wiesbaden Iser, A. (2008): Supervision und Mediation in der Sozialen Arbeit. Eine Studie zur Klärung von Mitarbeiterkonflik- ten. dgvt, Tübingen Kleve, H. (2002): Mediation – Eine systemische Methode Sozialer Arbeit. In: Pfeifer-Schaupp, U. (Hrsg.): Systemi- sche Praxis. Modelle, Konzepte, Perspektiven. Lambertus, Freiburg/Br., 156–176
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