Handbuch 5. Auflage

1010 Wensierski  privateste Situation des Individuums zurück. Per Handy, GPS und Notebook ist jeder jederzeit und überall für jeden Anderen erreichbar – und damit auch kontrollierbar. Die Leistungsfähigkeit neuer technischer Multi- media-Systeme scheint dabei auch die kulturelle Hegemonie einer neuen globalisierten audiovisuel- len Unterhaltungskultur anzukündigen, die man- chen Medientheoretiker bereits das „Ende der Gu- tenberggalaxis“ (McLuhan 1968; Bolz 2008) – also den möglichen Niedergang einer fünfhundertjäh- rigen Buchkultur – einläuten lässt: der Sieg des emotionalen Bildes über die vernunftbetonte An- strengung des besseren Arguments. Der rasante Wandel im Kontext der modernen In- formationstechnologien verändert so nicht nur die Kommunikationsmöglichkeiten der Individuen sondern auch die soziale Struktur ihrer Kommuni- kations- und Beziehungssysteme und bedingt eine Anpassung der gesellschaftlichen Teilsysteme in Kultur, Wirtschaft, Politik und Recht an die grund- legend veränderten Strukturmerkmale einer ent- wickelten Informations-, Medien- und Wissens- gesellschaft. Aus pädagogischer Perspektive stellt sich dieser technologische und kulturgeschicht- liche Prozess indes als Frage nach den Fähigkeiten des Individuums, die Möglichkeiten, Chancen, aber auch Risiken dieses sozialen und kulturellen Wandels selbstbestimmt, eigenverantwortlich und kreativ nutzen und bewältigen zu können. Für die Soziale Arbeit entsteht daraus die Frage nach den möglichen sozialen Ungleichheiten, den individu- ellen Entwicklungschancen und sozialen Proble- men, die möglicherweise mit einem so umfassen- den Wandel zu einer hochtechnologischen Mediengesellschaft und einer „Lebenswelt am Draht“ verbunden sind. Kritisch muss konstatiert werden, dass weder die Medienpädagogik noch die Soziale Arbeit bisher diese Fragen sozialer Un- gleichheiten und sozialer Probleme als Funktion mediatisierter Lebenswelten systematisch bearbei- tet haben. In besonderer Weise stellt sich im Verlauf dieses kulturgeschichtlichen Wandels die Perspektive auf die Freiheits- und Bürgerrechte des Individuums neu dar. Auch hier wiederum in zwei Richtungen: Als Frage des Zugangs- und Verfügungsrechts über vorhandene Medienkanäle und Medieninhalte wer- den zum einen traditionell selbstverständliche Rechtsgüter der Persönlichkeitsrechte, des Urheber- rechtsschutzes oder der Reichweite und Grenzen einer Privat- und Intimsphäre völlig neu themati- siert und problematisiert. Zum anderen induziert die tendenzielle Zweigleisigkeit der modernen on- linegestützten Informations- und Kommunikati- onstechnologien auch eine zugespitzte Debatte um Datenschutz und den Schutz des Individuums, seiner sozialen Netze und kulturellen Objektiva­ tionen vor der (potenziell) allgegenwärtigen Kon- trollinstanz des Staates, aber auch neuer subtiler Überwachungstechnologien von Wirtschaft und Industrie. Im Rahmen neuer Formen staatlicher Kontrolle und Zensur erweist sich das globalisierte Informations- und Kommunikationsnetz des In- ternets zugleich als kritischer bürgerrechtlicher Stachel für die Bestimmung demokratischer Struk- turen und individueller Freiheitsrechte innerhalb einer Gesellschaft. Medienpädagogik und Sozialpädagogik Die Sozialpädagogik war an diesem gesellschaftli- chen Diskurs über die sozialen und kulturellen Folgen moderner Massenmedien in gewisser Weise von Anfang an beteiligt, allerdings eher indirekt über die Herausbildung der Medienpädagogik und die Bedeutung des Jugendmedienschutzes für die Jugendhilfe, insbesondere im Kontext der außer- schulischen Jugendarbeit und Jugendbildung. Die Medienpädagogik erweist sich unter dieser Per- spektive bis in die Gegenwart als eines der metho- dischen und gegenstandsbezogenen Praxiskonzepte der Jugendarbeit und Jugendbildung. Die Entstehung und Entwicklung der Medienpäd­ agogik in Deutschland ist eng verbunden mit der Entwicklung und dem Einfluss einer medienkriti- schen und kulturpessimistischen Jugendschutz- bewegung, die sich seit Anfang des 20. Jahrhun- derts als Reaktion auf die Entstehung neuer Massenmedien (Trivialliteratur, Kino) herausgebil- det hatte. Im Spannungsfeld zwischen einer neuen jugendschützerischen Kontrollstruktur (Jugend- schutzgesetze) und einer reformpädagogisch inspi- rierten Bewahrpädagogik entwickelte sich ein frü- her medienpädagogischer Diskurs, der vor allem auf die Vermeidung massenmedialer Einflüsse im Kindes- und Jugendalter zielte. Im Nationalsozia- lismus kehrte sich dies gewissermaßen in sein Ge-

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