Handbuch 5. Auflage

1014 Wensierski  Programm (National Communication Association). Ein Vorteil dieser Bildungsstandards liegt gewiss in ihrer empirischen Operationalisierbarkeit (Tulod- ziecki 2010). Für die Soziale Arbeit sind Medien darüber hi- naus insbesondere als Sozialisationsinstanz in den Aufwachsprozessen von Kindern und Jugend- lichen relevant. Mediensozialisation umfasst im biographischen Verlauf die Gesamtheit aller in- tendierten (pädagogischen) und nicht-intendier- ten (funktionalen, strukturellen) sozialen Situa- tionen, Handlungen und Prozesse, in denen sich ein Kind oder Jugendlicher im Kontext seiner Sozialisationsinstanzen mit den Strukturen, Kom- munikations- und Interaktionsformen, den An- forderungen, Erwartungen und Handlungsmög- lichkeiten einer mediatisierten Lebenswelt und Gesellschaft auseinandersetzt (Vollbrecht /Wege- ner 2010). Die umfassende Mediatisierung der kindlichen und jugendlichen Lebenswelten beschreibt dabei nicht nur den Grad der Versorgung mit einer sich stetig wandelnden Medientechnik und auch nicht nur den Aspekt eines zunehmenden Zeitbudgets, das Kinder für den Umgang mit Medien aufbrin- gen. Die Mediatisierung von Kindheit und Jugend ist vielmehr einer der zentralen Indikatoren für einen grundlegenden soziokulturellen Struktur- wandel dieser beiden Lebensphasen seit den 1950er Jahren, wobei sich vier zentrale Funktio- nen unterscheiden lassen, in denen Medien für Jugendliche Bedeutung erlangen. Medien als Ausdruck einer kommerzialisierten Frei- ■ ■ zeit Medien als Instrumente zur Ausbildung eines kul- ■ ■ turellen Habitus Medien als Kommunikationsmedien für jugend- ■ ■ liche Beziehungen und Netzwerke Medien als Informations- und Wissensmedien im ■ ■ Bildungsprozess Die Mediatisierung der Kindheit folgt dabei im- mer etwas phasenverschoben dem Wandel des Jugendalters. Im Selbstverständnis einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit kommt hier der Kinder- und Ju- gendhilfe neben ihrer Bildungsfunktion insbeson- dere die Aufgabe zu, im Rahmen von Kindheits- und Jugendpolitik sowie des Jugendmedienschutzes offensiv auf die Gestaltung mediatisierter Lebens- welten und eines kind- und jugendgerechten Me- diensystems einzuwirken (Cleppien/Lerche 2010). Medien und soziale Ungleichheit Die Frage des Zusammenhangs von sozialer Un- gleichheit und Medien scheint mir insgesamt im medienwissenschaftlichen Diskurs eher vernach- lässigt (Charlton 1997; Niesyto 2010, 381). Inter- national wird dieser Aspekt unter dem Begriff Di- gital Divide (Digitale Spaltung) diskutiert (Iske et al. 2007). Bereits 2000 hatten Kubicek /Welling auf die soziale Differenzierung beim Zugang und bei der Nutzung von Online-Medien hingewiesen. Die damaligen Befunde über die ungleiche Vertei- lung der Internetnutzung nach Alter, Geschlecht, Bildung müssen heute indes relativiert werden. Von einer digitalen Spaltung zwischen sozialen Milieus, Klassen, Bildungsgruppen oder Ge- schlechtern kann in Deutschland wohl keine Rede sein. Lediglich zwischen den Generationen und Altersgruppen zeigen sich nach wie vor deutliche Unterschiede: Die ältere Generation hat einen ge- ringeren Zugang und nutzt das Internet auch we- niger. Die Gründe dafür liegen aber wohl nicht in einer sozialen Segregation oder in digitalen Schlie- ßungstendenzen, sondern vermutlich in der gerin- geren Funktionalität der Online-Medien für Ältere, sowie in einer größeren Schwellenangst gegenüber neuen komplexen technischen und medialen Sys- temen. Im Unterschied zu der tendenziellen Voll- versorgung mit schnellen Internetanschlüssen in der Bundesrepublik stellt sich die Frage einer digi- talen Kluft im internationalen Vergleich anders dar (Castells 2005, 261 ff.). Die These von der digital divide ist in gewisser Weise die Aktualisierung einer älteren Hypothese zu medienspezifischen Ungleichheiten, die know­ ledge gap-These (Wissensklufthypothese), die von Tichenor u. a. bereits 1970 formuliert worden war. Die These basiert auf der Annahme, dass unter den Bedingungen sozialer Ungleichheiten die Wissens- aneignung per medialer Informationssysteme letzt- lich die bildungshöheren Gruppen bevorzuge. In einer Gesellschaft, deren Verteilungs- und Status- systeme verstärkt über Bildungskapital definiert seien, perpetuieren die Zugangsprivilegien zu me- dialen Wissenssystemen so eine wachsende Kluft

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