Handbuch 5. Auflage
Medien und Soziale Arbeit 1015 zwischen den sozialen Gruppen. In der empiri- schen Forschung stellt sich die Überprüfung der These allerdings als ein komplexes soziologisches, psychologisches und pädagogisches Forschungs- programm (Bonfadelli 1994) dar. Im Ergebnis er- weisen sich die konstatierten Ungleichheiten weni- ger als medienspezifisches Problem, denn als klassisches Thema sozialer Ungleichheitsstrukturen in der Gesellschaft mit ihren komplexen Auswir- kungen auf Sozialisation, Bildung, kulturellen Ha- bitus, biographische Lebensentwürfe, Teilhabe- chancen, Persönlichkeitsstrukturen usw. Auf der Basis der Konzepte und Begriffe der sozia- len Ungleichheitsforschung werden dann allerdings auch Unterschiede in der Mediennutzung, der Medienbildung sowie in den distinkten kulturellen Habitus im Medienhandeln sichtbar. So markiert die Differenz zwischen audiovisuellen Unterhal- tungsmedien (z. B. Fernsehen) zum einen und den informations- und wissensbezogenen Printmedien (Zeitungen, Bücher) zum anderen nach wie vor eine kulturelle Kluft zwischen verschiedenen Bil- dungsmilieus, die sich letztlich auch im multi-me- dialen Amalgam des Internets fortsetzt. Bildungs- ferne Mediennutzer favorisieren stärker die Unterhaltungsfunktionen, bildungsorientierte User interessieren sich eher für die Informations- undWissenssysteme des Internets. Die empirischen Studien belegen mithin die Fundierung des Me- dienhandelns in den soziokulturellen, lebenswelt- lichen und vor allem familiären Herkunftsmilieus. Kutscher (2010, 157 ff.) resümiert diese sozialen Schließungstendenzen auch in den virtuellen Be- teiligungsformen des Internets und des Web 2.0 ( → Kutscher, Soziale Arbeit im virtuellen Raum). Für die Medienpädagogik wie für die Soziale Ar- beit folgt daraus, für die eigene Medienarbeit und Medienbildung die Reproduktion und die Aus- wirkungen sozialer Ungleichheiten im Rahmen der Mediensozialisation und der Ausbildung eines kul- turellen Habitus stärker als bisher zu reflektieren. Ein signifikanter Abbau dieser Ungleichheitsstruk- turen wird aber wohl allein mit medienpädagogi- schen Mitteln nicht möglich sein. Nimmt man die empirischen Befunde ernst, dann ist nicht Medien- bildung die dringendste Aufgabe zur Verbesserung der kulturellen und kommunikativen Teilhabe- chancen und der Chancengerechtigkeit in der Mediengesellschaft und im Internet, sondern Bil- dung insgesamt. Medien und soziale Probleme? Der „jugendschützerische Blick“, der den Diskurs um die modernen technischen Massenmedien von Beginn an geprägt hat, war stets auch gekennzeich- net durch die Sorge um eine existenzielle Überfor- derung des Individuums im Umgang mit Medien und Technik. Seinen Ausdruck fand dieser zutiefst romantische Technikskeptizismus bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in der Metapher von der „Reizüberflutung“: auf der Basis eines mechanisti- schen Reiz-Reaktionsmodells erschien das Indivi- duum hier willenlos der Reizkaskade medialer Dauerberieselung ausgeliefert, die seinen kogniti- ven und affektiven Haushalt hoffnungslos über- fordere. Auch wenn dieses Modell heute medien- wissenschaftlich nicht mehr haltbar ist, prägt es doch nach wie vor den populärwissenschaftlichen und publizistischen Diskurs über die Wirkung von Medien, etwa auf Kinder und Jugendliche, wie eine Recherche bei google belegt. Die sozialwissenschaftliche und therapeutisierte Weiterentwicklung dieses Prototypus bildet die Fi- gur des Mediensüchtigen. Bereits in den 1960er Jahren diskutiert eine Unesco-Studie die These von der „Fernsehsucht“ als „moderne Kinderkrank- heit“. Seither werden alle neuen technischen au- diovisuellen Medien im öffentlichen Diskurs, teil- weise auch in den medienwissenschaftlichen Fachdiskursen immer wieder unter Suchtverdacht gestellt: Videofilme, Computer, Computerspiele, Internet usw. Die aktuellen Suchtvarianten bezie- hen sich auf die Online-Sucht, die sich etwa in Online-Communitys wie facebook, second life u. ä. manifestiere (Schorr 2009). Mit der Erfindung des Personal-Computers in den 1980er Jahren wurde ein weiterer romantischer Mythos aus dem Industriezeitalter des 19. Jahr- hunderts auf ebenso populäre wie kulturwissen- schaftliche Weise wiederbelebt und fortan für das informations- und medientechnologische Zeitalter fruchtbar gemacht – der Maschinenmensch. Wei- zenbaum hatte – ganz in der Tradition kulturwis- senschaftlicher „Apokalyptiker“ (Eco) – bereits 1978 auf die Figur des „zwanghaften Programmie- rers“ aufmerksam gemacht. Waren die frühen An- droiden-Automaten des 18. und 19. Jahrhunderts noch eine spielerische Utopie von der semi-gött- lichen Schöpfungskraft moderner Technik, so kehrt die Metapher vom Mensch-Maschine-Interface
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