Handbuch 5. Auflage

Medien und Soziale Arbeit 1017 Medien und Gewalt Die Vermutung eines kausalen Zusammenhangs von Medien und Gewalt gehört zu den klassischen Stereotypen innerhalb der sozialwissenschaftlichen und pädagogischen Medienforschungsdebatte (Kunczik / Zipfel 2006). Ein wesentlicher Teil des Jugendmedienschutzes ist – neben dem Pornogra- phieverdacht – insbesondere auf den Verdacht einer gewaltfördernden Wirkung von Medienformaten und Medieninhalten gerichtet. Neben diesem Ver- dacht der Gewaltförderung steht mit Blick auf kindliche und jugendliche Mediennutzer insbeson- dere auch die Sorge vor einer emotionalen und psychosozialen Überforderung bzw. einer „sozial- ethischen Desorientierung“ (www.bundespruef- stelle.de) durch exzessive Gewaltdarstellungen in Medien im Vordergrund. Unstrittig ist innerhalb dieser Debatte der langjäh- rige Trend zu mehr Gewaltdarstellungen im Fern- sehen, im Kino und auf Videos, in Computerspie- len und in den Online-Angeboten des Internets. Dabei nimmt nicht nur die Quantität zu, es lässt sich auch eine weitgehende Enttabuisierung in der audiovisuellen Darstellung von fiktiven und realen Gewaltexzessen sowie in dem Grad an Brutalität der entsprechenden Gewalthandlungen konstatie- ren. Im Kino gehören hyperreale Gewaltdarstel- lungen – etwa im sog. Splatterfilm – seit vielen Jahren zum Standard des einschlägigen Horror- und Actiongenres. In den Computerspielen domi- nieren in vielen Fan-Szenen die Ego-Shooter-Spiele (z. B. Counter Strike), bei denen der Spieler die Rolle des militärisch hochgerüsteten Kombattan- ten einnimmt und das Spielszenario vor allem auf die symbolische Tötung des Gegners ausgerichtet ist. Im Medienverbund aus Internet und Handy kursieren seit Jahren reale Hinrichtungs- und Ent- hauptungsvideos aus islamistischen Szenen auf den Schulhöfen. Dem Gesetzgeber und Jugendmedien- schutz gelingen in dieser Situation nur mehr Do- mestizierungsbemühungen der kommerziellen und öffentlich gehandelten Medienprodukte: Öffent- liche und private TV-Anstalten, das Kino und die Computerspieleindustrie unterliegen verschiede- nen, mehr oder minder wirksamen Kontroll- oder Selbstkontrollinstanzen – etwa mit gestaffelten Al- tersfreigaben für die Produkte. Der für jedes Kind heute unproblematische Zugang zu internationa- len Produkten über das Internet ist davon aber bisher ebensowenig erfasst wie der graue Markt von Schwarzlizenzen, fileshare-Produkten oder der peer-to-peer-Tausch in den Jugendszenen. In der öffentlichen, medialen und medienpoliti- schen Debatte erfährt dieser Befund der allgegen- wärtigen Gewaltmedien unisono eine entschiedene Ablehnung und Ächtung. Allerdings können sich diese Positionen kaum auf eine evidenzbasierte Medienwirkungsforschung stützen. Bonfadelli spricht denn auch von „übersteigerten Ängsten“ aus Unwissenheit und von der Sündenbockfunk- tion der Medien im öffentlichen Diskurs (Bonfa- delli 2004, 250). Notwendig wäre in der öffent- lichen und pädagogischen Diskussion über Gewalt in den Medien eine analytische Differenzierung zwischen einem empirisch argumentierenden Me- dienwirkungsansatz und einer medienethischen Diskussion. Aus den Möglichkeiten der gegenwärtigen empiri- schen Medienwirkungsforschung lassen sich wohl keine stichhaltigen wissenschaftlich fundierten Ar- gumente gegen Gewalt in Medien und Jugend- medien ziehen (Bonfadelli 2004; Kunczik / Zipfel 2006). Eine medienethische Pädagogik müsste demgegenüber an dem Aspekt der Menschenwürde und der Verantwortung gegenüber der kommer- ziellen oder ideologischen Ausbeutung realen Leids und der Affirmation gewaltfördernder Strukturen in bestimmten Gewaltmedien ansetzen (Hausman- ninger / Bohrmann 2002). Für Theunert folgt aus dem gängigen „reduktionistischen Gewaltbegriff“ eine notwendige Erweiterung der medienpädago- gischen Konzepte. Nur im Kontext einer umfas- senden gesellschaftlichen Kontextualisierung des Gewaltbegriffs lasse sich auch Mediengewalt mit Jugendlichen angemessen thematisieren (Theunert 2000). Verbreitet sind sowohl innerhalb des medialen, populärwissenschaftlichen Diskurses als auch im Kontext der Medienpädagogik die Reproduktion teilweise jahrzehntealter theoretischer Wirkungs- hypothesen: Die Habitualisierungshypothese, die Suggestionstheorie, die Stimulationshypothese, die Kultivierungstheorie oder die Katharsistheorie ge- hören zum gängigen Kanon der Medienwirkungs- debatte zum Thema Gewalt. Eine empirisch ein- deutige und widerspruchsfreie Evidenz als Erklärungsansätze zu medialen Gewaltwirkungen lässt sich all diesen Thesen aber wohl nicht zuspre- chen (Bonfadelli 2004). Aktuelle und komplexere

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