Handbuch 5. Auflage
1018 Wensierski empirische Studien zur Mediengewalt vermögen durchaus Effekte des medialen Gewaltkonsums auf die Rezipienten nachzuweisen (Grimm 1999; Kunczik / Zipfel 2006). Allerdings bleiben diese Nachweise überwiegend auf Laborsituationen be- schränkt, sie belegen auch dort eher quantitativ nachrangige Wirkungen und beschränken sich weitgehend auf kurzfristiges Erregungspotenzial. Dabei ergeben sich auch keine Hinweise, dass das Aktivierungspotenzial und die höhere Gewaltfre- quenz etwa in Computerspielen größere Aggressi- vität oder Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen in- duzieren würde als etwa in Filmen (Kunczik / Zipfel 2008, 452). Die empirische Medienwirkungsfor- schung hat sich unter dem Eindruck dieser be- scheidenen Befunde denn auch weitgehend von der Annahme starker und monokausaler Zusam- menhänge von Mediennutzung und Gewaltbereit- schaft verabschiedet. An ihre Stelle tritt heute die Annahme, dass Medieneinflüsse allenfalls im Kon- text spezifischer benachteiligter, problembelasteter, gewaltgeprägter oder bereits pathogener Lebens- lagen oder Persönlichkeitsstrukturen als zusätzliche Verstärker oder Leitbilder auf die Ausformung von Aggression und Gewalt wirken könnten (Bonfa- delli 2004, 273 f.; Kunczik / Zipfel 2008, 452). Medien und Soziale Arbeit – ein Fazit Die Analyse des Zusammenhangs von Medien und Sozialer Arbeit belegt eine mehr oder weniger klar definierte programmatische Schnittmenge zwi- schen beiden Bereichen: Es ist vor allem die Sozial- pädagogik, die im Kontext ihrer außerschulischen Kinder- und Jugendbildung mit medienpädago gischen Aufgabenstellungen, Themen und Me thoden befasst ist – als außerschulische Medien- bildung. Die Entwicklung des einschlägigen Fachdiskurses zeigt, dass hier innerhalb der Me- dienbildung Neuorientierungen sinnvoll scheinen: Sowohl die weit reichende Fokussierung auf infor- mationstechnologische Medien, als auch die nach wie vor starke Orientierung amMedienkompetenz- begriff können nicht mehr so recht überzeugen. Warum sich Medienbildung von kultureller Bil- dung oder von einer allgemeinen Bildungsarbeit, die sich für Kommunikationsprozesse insgesamt interessiert, unterscheiden sollte, ist unklarer denn je. Gerade, wenn die Neuen Medien die medialen Erfahrungsbereiche jedes Einzelnen um eine glo- bale Perspektive erweitern, bedarf es einer jungen Generation, die über die notwendige Bildung ver- fügt, diese neuartigen Chancen und Herausforde- rungen sozial, kulturell, politisch, sprachlich zu ergreifen und zu bewältigen. Auf dieser Basis wird auch die Frage sozialer Un- gleichheit wieder interessant, aber nicht als digitale Spaltung der Gesellschaft, sondern als zunehmende Kluft zwischen einer gut ausgebildeten Wissense- lite und einer Zerstreuung suchenden prekären Schicht von bildungsfernen Milieus. Insbesondere die jungen Migranten erscheinen hier als bedeut- same Zielgruppe: Zum einen nutzen gerade sie die Chancen und Möglichkeiten, die das „Globale Dorf“ zwischen Satelliten-TV, Voice-over-IP, Skype und Internet bietet, um Kontakt zu halten zu ihren familiären Herkunftskulturen und Herkunftslän- dern. Zum anderen sind vor allem sie immer noch durch ein Bildungssystem benachteiligt, das ihnen Verwirklichungschancen versagt (Auernheimer 2009). Die Probleme der jungen Migranten sind aber nicht durch Medienbildung zu lösen, sondern durch eine erfolgreichere Integration und Partizi- pation im Bildungssystem. Das Spannungsverhältnis von Medien und Bildung macht auf einen weiteren Aspekt aufmerksam: Bildung ist nach wie vor überwiegend auf Sprache angewiesen und Bildungsmedien sind auch nach dem Ende der Gutenberggalaxis vorrangig Schrift- medien. Nur eine kleine Gruppe der Medienpäd agogen und Medienforscher interessiert sich aber für Fragen der Literalität, der Lesesozialisation oder für Sprach- und Lesekompetenzen von Kindern und Jugendlichen. Für den Abbau von Bildungs- benachteiligungen als auch für den Ausbau sozialer und kultureller Reflexivität scheint mir dies un- gleich zentraler als die pädagogische Arbeit mit Medientechnik. Die Neuen Medien haben der Unterhaltungstech- nologie als auch den globalen Kommunikations- kanälen eine neue audiovisuelle und multimediale Dimension verliehen. Ein Ende der Schriftkultur haben sie, nach allem, was wir heute sehen, dabei nicht eingeleitet. Gleichwohl – die Zukunft des ge- druckten Buchs scheint gegenwärtig offen, aber nicht, weil es durch Foto-Blogs oder Youtube in- frage gestellt würde, sondern weil auch die welt- weite Schriftkultur Eingang findet in die elektro-
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