Handbuch 5. Auflage
1024 Galuske referentiell und handeln primär im Interesse ihrer eigenen Bestandswahrung und Reproduktion. Komplexe soziale Systeme wie Verbände, Organisa- tionen und Subjekte sind auch deshalb nicht steu- erbar, weil ihnen in ihrer Komplexität eine ganze Bandbreite an Verarbeitungs- und Reaktionsmus- tern zur Verfügung stehen und vorab nicht zu eruie- ren ist, wie sie auf Anregungen von außen reagie- ren. Reaktionen von Subjekten sind kontingent, d.h. sie wählen aus einer Palette von Reaktions- möglichkeiten eine aus, könnten aber genauso gut auch eine andere Reaktion bevorzugen. „Ob die In- terventionen von SozialarbeiterInnen, die diese auswählten, da sie ihnen bezüglich der zu lösenden sozialen Probleme als hilfreich und adäquat er- schienen, auch in der gleichen Weise von den Klien- tInnen aufgenommen werden, ist beispielsweise in höchstem Maße unsicher. Schließlich produzieren sozialarbeiterische Interventionen Komplexität, d.h. sie erzeugen einen Spielraum möglicher Re- aktionsweisen der KlientInnen. Dass die Sozial- arbeiterInnen gerade jene Reaktionen von den KlientInnen erwarten, die dann tatsächlich (sozial- arbeiterisch) beobachtet werden können, ist eben- falls unsicher. Paradox formuliert: Sicher ist einzig und allein die Unsicherheit.“ (Kleve 1996, 248) Po- sitiv gewendet verweist die Co-Produktivität sozia- ler Dienstleistungen auf den Umstand, dass Erfolge in sozialpädagogischen Interventionen nur in Ar- beitsbündnissen mit den Klienten zu erzielen sind. Sozialpädagogische Interventionen müssen darum in besonderer Weise sowohl die Partizipation der KlientInnen am Hilfeprozess sicherstellen, als auch die Autonomie der Lebenspraxis der KlientInnen respektieren. Da diese Autonomie zur Bewältigung von Problemen in primären Lebensbereichen je- doch häufig beschädigt ist und die Wiedererlan- gung von Selbststeuerungsfähigkeit zentrales Ziel der Dienstleistungsarbeit ist, versteckt sich hier ein professionelles Grunddilemma aller „helfenden Be- rufe“: „Die Wahrung der Autonomie der Lebens- praxis durch einen Eingriff in die Autonomie der Le- bensvollzüge ist das Dilemma aller sozialer Dienstleistungsarbeit“ (Gildemeister 1992, 213). Mit diesem Grunddilemma steht auch das letzte ■ ■ hier anzusprechende Merkmal der Handlungs- bedingungen Sozialer Arbeit in Verbindung, die „starke Abhängigkeit von staatlicher Steuerung und direkter Einbindung in bürokratische Organi- sationen“ (Gildemeister 1995, 30). Soziale Arbeit ist gekennzeichnet durch ihre intermediäre Rolle zwischen System und Lebenswelt (Rauschenbach 1999), insofern agiert sozialpädagogisches Han- deln immer im Spannungsfeld von Hilfe für die be- troffenen Subjekte und Kontrolle gesellschaftlicher Normalitätsstandards („doppeltes Mandat“). Aus diesen besonderen Handlungsbedingungen resultieren Konsequenzen für das methodische Handeln in der Sozialen Arbeit, die hier nur stich- wortartig angedeutet werden sollen: Angesichts der Vielzahl von Lebenslagen, Arbeits- a. feldern und Problemen ist die Suche nach einem „Patentrezept“ für alle beruflichen Aufgaben der Sozialen Arbeit weder hilfreich noch sinnvoll. Oder wie es E.J. Krauß (2006, 121) formuliert: „Es gibt keine Methode, die sich zur Bearbeitung aller Pro- bleme der sozialberuflichen Praxis eignet. Deshalb ist für jede Methode zu bestimmen, welche Pro- bleme mit ihr erkannt und bearbeitet werden kön- nen und für die Zusammenarbeit mit welchen Per- sonen(-gruppen) sie geeignet ist.“ Methodisches Handeln innerhalb der Sozialen Ar- b. beit muss sich am Kriterium der Alltagsnähe und Alltagstauglichkeit bewähren und messen lassen. Zugleich kann methodisches Handeln, will es der Vielfalt des Alltags gerecht werden, nicht als star- res Instrument verstanden werden. Hans Thiersch (1993, 24) betont in diesem Sinne in besonderem Maße die situative Offenheit sozialpädagogischer Methoden: „Methode, die zweifelsohne ein schematisierend-ordnendes Moment im Handeln ist, scheint im Widerspruch zu stehen zur situativen Offenheit lebensweltorientierten Handelns. Dieser Widerspruch aber löst sich auf, wenn Methode als Grundmuster verstanden wird, das in unterschiedli- chen Aufgaben unterschiedlich akzentuiert und konkretisiert wird, indem aber immer das Moment der Strukturierung instrumentell für die Situation realisiert wird.“ Aus der Perspektive der Klienten ist einer der we- c. sentlichen Gründe, warum methodisches Handeln unverzichtbar ist, die Tatsache, dass Soziale Arbeit immer im Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle agiert. Wenn sie sich nicht darauf verlassen will, dass gut gemeint gleich gut getan ist, so bedarf es der Kontrolle der beabsichtigten und unbeabsich- tigten (Neben-)Wirkungen des beruflich-professio- nellen Handelns.
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