Handbuch 5. Auflage

Methoden der Sozialen Arbeit 1025 Die klassischen Methoden und ihre Kritik Sucht man heute in einschlägigen Lexika, Hand- büchern und Einführungswerken die entsprechen- den Passagen zur Geschichte der Methodendiskus- sion inder SozialenArbeit, so stößtmanunweigerlich auf das klassische Dreigestirn von sozialer Einzel(fall) hilfe, sozialer Gruppenarbeit und Gemeinwesen- arbeit (zum Überblick C.W. Müller 1988; 1992; Galuske 2009). Die soziale Einzel(fall)hilfe ist die älteste Methode der Sozialen Arbeit, wobei unter dem Begriff eine Anzahl an methodischen Ansätzen verstanden wird, die die helfende Beziehung zwischen Sozialarbeiter und Klient in den Mittelpunkt des professionellen Interesses stellen. In Deutschland erstmals von Alice Salomon in ihrer Schrift „Soziale Diagnose“ (1926) vorgestellt, setzten sich die verschiedenen, häufig durch die differenten Spielarten der Psychoanalyse inspirierten Schulen der sozialen Einzel(fall)hilfe in Deutschland erst in der Nachkriegszeit durch und bestimmten insbesondere in den 1960er Jahren die methodische Ausbildung und Arbeit der Sozial- dienste (Neuffer 1990). Den Kerngedanken der sozialen Einzel(fall)hilfe formuliert Smalley (1977, 93): „Durch die Me- thode der Sozialen Einzelhilfe wird ein Klient ver- anlasst, sich über einen Beziehungsprozess, im Wesentlichen mit einer Person, zu seinem eigenen und dem allgemeinen sozialen Wohl einer sozialen Hilfe zu bedienen.“ Im Zentrum des Hilfeprozesses steht in allen Varianten der Einzelfallhilfe die per- sönliche Beziehung zwischen Hilfesuchendem und Helfer als Medium der Veränderung. Kerngedanke der unterschiedlichen Ansätze sozia- ler Gruppenarbeit, der zweiten klassischen Me- thode der Sozialen Arbeit, ist es hingegen, die Gruppe als Ort und Medium der Intervention durch einen geschulten Experten als Leiter zu nut- zen mit dem Ziel der Steigerung der „sozialen Funktionsfähigkeit“ (Konopka 1971, 35). Sie ge- wann in Deutschland ab den 1960er Jahren an Bedeutung und speist sich gleichermaßen aus den Erfahrungen der Jugendbewegung, der Reformpäd­ agogik wie der Kleingruppenforschung. Die unter- schiedlichen Ansätze der sozialen Gruppenarbeit integrieren Wissensbestände der Kleingruppenfor- schung und Prinzipien und Techniken der Grup- penleitung und Gesprächsführung. Als letzte klassische Methode der Sozialen Arbeit ist die Gemeinwesenarbeit zu nennen, die ihren Interventionsfokus in den sozialen Netzwerken findet. Die unterschiedlichen Varianten von der wohlfahrtsstaatlichen über die integrative bis zur aggressiven Gemeinwesenarbeit (Karas /Hinte 1978) integrieren diverse Verfahren der sozialen Netzwerkforschung, der Kontaktaufnahme, der Bürgerbeteiligung etc., um die Ressourcen des je- weiligen Sozialraumes zu aktivieren und zur Lö- sung sozialer Problemlagen zu nutzen. In den Kon- zepten der Sozialraumorientierung oder des Quartiersmanagements finden sich aktuell Grund- gedanken der Gemeinwesenarbeit aufgehoben. Während die Gemeinwesenarbeit sich immer mehr als Arbeitsprinzip etablierte, gerieten soziale Ein- zel(fall)hilfe und soziale Gruppenarbeit in den 1970er Jahren ins Kreuzfeuer der Kritik der sich nun auch akademisch entfaltenden Disziplin So- ziale Arbeit. Neben einer fehlenden theoretischen Fundierung wurde den sozialpädagogischen Me- thoden insbesondere die Individualisierung sozialer Problemlagen, eine darin eingelagerte Pathologisie- rung ihrer Klienten und eine damit unmittelbar verbundene Entlastung der Gesellschaft von struk- turellen Lösungen sozialer Probleme angelastet. Der individualisierende Zugriff der Sozialen Arbeit bewirkt die „Aufrechterhaltung des bestehenden, repressiven, autoritären Gesellschaftssystems, die Mängel unserer Gesellschaftsordnung werden ver- schleiert und kaschiert“ (Karberg 1973, 147). Die Methodenkritik trug zu einem gesellschafts- theoretisch und sozialwissenschaftlich aufgeklärten Verständnis der Handlungsbedingungen und Handlungsgrenzen der Sozialen Arbeit bei. Gleich- wohl ließ sie in ihrer Zuspitzung keinen Raum mehr für einen nüchternen Blick auf die unbe- streitbaren Leistungen von sozialer Einzel(fall)hilfe und sozialer Gruppenarbeit, ihren Beitrag zur Pro- fessionalisierung, zur Durchsetzung eines planvol- len und (selbst-)reflexiven Berufsverständnisses und nicht zuletzt – dies gilt insbesondere für die soziale Gruppenarbeit – zur Demokratisierung der deutschen Nachkriegsgesellschaft (C.W. Müller 1988; 1992). Die Kritik der klassischen Methoden hinterließ spürbare Leerstellen, weil die mit der Methoden- frage verbundenen Professionalisierungsinteressen ebenso weiter Bestand hatten, wie der berechtigte Wunsch der Praktiker nach Entlastung durch er-

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