Handbuch 5. Auflage

1026 Galuske  probte Vorgehensweisen. Von der Methodenkritik mit Methodenskepsis ausgestattet, nötigte die Komplexität der Alltagsanforderung die Sozial- arbeiter zur Suche nach methodischer Hilfe, Un- terstützung und Entlastung, die sie weniger im etablierten Ausbildungssektor, als vielmehr im Markt der Fort- und Weiterbildung fanden. Dabei ist der Methodenmarkt – zumindest bis Anfang der 1990er Jahre – in weiten Teilen ein Import- markt. Importiert wurden und werden Methoden aus anderen Ländern (vorrangig den USA) und vor allem aus anderen Disziplinen (vorrangig der Psychologie und Psychotherapie). Ohne das An- regungspotenzial von Importen in Abrede zu stel- len, sind solche Importstrategien, insofern sie nicht die zumeist höchst unterschiedlichen Rah- menbedingungen berücksichtigen, durchaus pro- blematisch. C.W. Müller (1981, 106) hat auf diesen Umstand hingewiesen: „Rezeptionen ha- ben häufig die fatale Nebenwirkung, daß sie die Momentaufnahmen einer langen, historischen Entwicklung punktuell auf eine andere gesell- schaftliche und kulturelle Situation übertragen und damit von ihrer geschichtlichen Vernunft ab- schneiden.“ Zwischen Lebensweltorientierung und Aktivierung – Trends der Methodendiskussion seit den 1990er Jahren Nach einer längeren „Flaute“ hat die Methodendis- kussion spätestens gegen Ende der 1990er Jahre wieder an „Fahrt“ aufgenommen und eine mittler- weile kaum mehr zu überschauende Vielfalt an Techniken, Methoden und Konzepten auf den Markt geworfen. Zum Überblick lassen sich aktuell im Hinblick auf ihre Nähe und Distanz zum kon- kreten Hilfeprozess drei Gruppen von Methoden unterscheiden (Galuske 2009, 160 ff.): Die direkt interventionsbezogenen Konzepte und ■ ■ Methoden beziehen sich auf solche Ansätze, die di- rekt und unmittelbar den Hilfeprozess zwischen So- zialarbeiter und Klient strukturieren. Sie lassen sich nochmals unterteilen in (a) einzel- und primärgrup- penbezogene Methoden (z.B. soziale Einzelfallhilfe, klientenzentrierte Beratung, sozialpädagogische Beratung, Mediation, sozialpädagogische Diagnos- tik, Familie im Mittelpunkt, systemische Ansätze der Beratung und Familienarbeit, Case Management) und (b) in eher gruppen- und sozialraumbezogene Methoden (z.B. soziale Gruppenarbeit,Themenzen- trierte Interaktion, Streetwork, akzeptierende Arbeit mit „Problemgruppen“, Gemeinwesenarbeit, Quar- tiersmanagement, Sozialraumorientierung, soziale Netzwerkarbeit), wobei die Grenze zwischen bei- den Formen im Gefolge einer voranschreitenden Methodenintegration immer fließender wird. Die indirekt interventionsbezogenen Konzepte und ■ ■ Methoden dienen in erster Linie der Reflexion des Hilfeprozesses, wirken aber nicht unmittelbar strukturierend auf diesen ein. Dazu gehören z.B. die Supervision, das Coaching und die Selbsteva- luation. Die struktur- und organisationsbezogenen Kon- ■ ■ zepte und Methoden wirken sich mittelbar auf den konkreten Hilfeprozess aus, indem sie auf die Struk- turen und institutionellen Rahmenbedingungen zielen. Zu dieser, seit den 1990er Jahren immer be- deutsameren Gruppe an Methoden, gehören z.B. die Organisationsentwicklung, das Qualitätsmana- gement, das Fundraising, mithin dem betriebswirt- schaftlichen Sektor entlehnte Handlungsmodelle, aber auch der große Bereich der Methoden der So- zialplanung. Die oben angedeutete Vielfalt der Methodenent- wicklung seit den 1990er Jahren ist – in der hier gebotenen Kürze – durch zwei Megatrends geprägt: a) die Entwicklung eines lebensweltorientierten Verständnisses Sozialer Arbeit und b) die zeitglei- che aktivierende Modernisierung des Sozialstaates, auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll. Lebensweltorientierung als fachlicher Impuls der Methodenentwicklung Der ersteMegatrend ist das Ergebnis der sozialpäd­ agogischen Fachdiskussion und Theorieentwick- lung: der eng mit dem Namen Hans Thiersch ver- bundene Ansatz der Lebensweltorientierung. Der Alltag der Menschen ist „erfahrene Wirklichkeit“, wobei die „erfahrene Wirklichkeit geprägt [ist, M.G.] durch gesellschaftliche Strukturen und subjektiv bestimmte Handlungsmuster“ (Grun-

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