Handbuch 5. Auflage
Methoden der Sozialen Arbeit 1027 wald /Thiersch 2005, 1139). Die Lebenswelt ist insofern gekennzeichnet „durch Ungleichheiten in den Ressourcen, in unterschiedlichen Deu- tungs- und Handlungsmustern wie durch Wider- sprüchlichkeiten, wie sie sich im Zeichen zuneh- mender Pluralisierung und Individualisierung von Lebensverhältnissen und im Zeichen der neuen Vergesellschaftungsansätze abspielen“ (Grunwald /Thiersch 2005, 1140). Ziel der So- zialen Arbeit ist es, den Klienten zu einem gelin- genderen Alltag zu verhelfen, indem sie im Ar- beitsbündnis mit dem Klienten Borniertheiten des Alltags kenntlich macht, Handlungsalternati- ven erarbeitet, Ressourcen erschließt und Bedarfs- lagen sozialpolitisch artikuliert. Spätestens mit den vom 8. Jugendbericht formulierten Struktur- maximen einer lebensweltorientierten Kinder- und Jugendhilfe (Prävention, Integration, Dezentrali- sierung, Alltagsorientierung und Partizipation) konnte sich der Begriff der Lebensweltorientie- rung zur identitätsstiftenden Chiffre in fast allen Feldern der Sozialen Arbeit entwickeln. Auch in der Methodendiskussion entfaltete sich das An- regungspotenzial der Alltags- und Lebensweltori- entierung: So wurden unter dem Stichwort Niedrigschwellig- ■ ■ keit (Jungblut 1993) zunächst in der Drogenarbeit, später auch in anderen Feldern der Sozialen Arbeit, Fragen der Zugänglichkeit von Einrichtungen und Hilfeleistungen im Alltag diskutiert, sowohl aus or- ganisatorischer (Öffnungszeiten, Erreichbarkeit, Bedürfnislagen der Klienten etc.) wie normativer Perspektive (Welche Bedingungen knüpfen sich an die Gewährung von Unterstützung?). Mit der Methode der Straßensozialarbeit, oder ■ ■ allgemeiner gesprochen mit den unterschiedli- chen Formen aufsuchender, mobiler Sozialarbeit mit zumeist randständigen Zielgruppen, etablier- ten sich methodische Zugänge, die die Hilfen un- mittelbar in den Alltag der Zielgruppe brachten und eine neue Form des Einlassens auf die Le- benslagen und alltagsweltlichen Arrangements der Klienten notwendig machten (Krafeld 2004). In diesem Zusammenhang ist die Entwicklung ak- zeptierender Ansätze mit problematischen Ziel- gruppen (Drogenabhängige, Fußballfans, gewalt- bereite und / oder rechtsradikale Jugendliche, Straßenkinder etc.) hervorzuheben (Krafeld et al. 1993). Lebenswelt- und alltagsnahe Soziale Arbeit ver- ■ ■ langt nach ganzheitlichen Zugängen des Verste- hens von biographischen Verläufen in sozialräumli- chen Bezügen,nach neuen,methodisch gesicherten Formen lebenswelthermeneutischer Sensibilität. In diesem Kontext sind etwa Versuche einer rekon- struktiven Sozialpädagogik (Jakob / von Wensierski 1997) zu verorten, die die Erkenntnisse und Erfah- rungen der qualitativen Sozialforschung für die Ausbildung und Alltagspraxis von Sozialarbeiterin- nen zu nutzen versuchen. Die Karriere des Begriffs der Sozialraumorientie- ■ ■ rung (Kessl et al. 2005) schließlich dokumentiert die gesteigerte Sensibilität der Sozialen Arbeit für die formellen und informellen Netzwerke der Men- schen in ihren regionalen Bezügen, ihren Stärken und Schwächen, ihren Ressourcen und ihren Defi- ziten. All diese Beispiele belegen eine fachlich moti- vierte Weiterentwicklung des Handlungsreper- toires der Sozialen Arbeit hin zu mehr Alltags- und damit auch Klientennähe – und allen damit zusammenhängenden Problemen. Etwa zeitgleich gewinnt allerdings ein zweiter, fachlich externer Faktor Einfluss auf die Rahmenbedingungen So- zialer Arbeit und ihre Methoden, der die Erträge der innerfachlichen Weiterentwicklung zwar z.T. begrifflich aufgreift, aber auch in wesentlichen Teilen überlagert und konterkariert, weshalb auf diesen Aspekt etwas ausführlicher eingegangen wird. Ökonomisierung der Sozialen Arbeit Damit ist der zweite Megatrend angesprochen, der die Methodendiskussion massiv beeinflusst: der aktivierende Umbau des Sozialstaates im Gefolge von Arbeitsmarktkrise, neoliberaler Modernisie- rungspolitik und Finanznot der öffentlichen Haus- halte (zum Überblick Galuske 2002; 2008). Auf der Suche nach Lösungen hat sich international das Modell des aktivierenden Staates durchgesetzt (Dahme /Wohlfahrt 2005). Darunter verstehen Stephan von Bandemer und Josef Hilbert (1998, 29) einen Staat, „der zwar an einer umfassenden öffentlichen Verantwortung für gesellschaftliche Aufgaben festhält, jedoch nicht alle Leistungen selbst erbringen muss. Seine Aufgabe ist vielmehr,
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=