Handbuch 5. Auflage

Methoden der Sozialen Arbeit 1029 möglich, wobei diese Annahme von zwei Voraus- setzungen ausgeht: a) es müssen klare Kriterien und Instrumente zu ihrer Erfassung vorhanden sein, die eine verlässliche Diagnose ermöglichen sowie b) dem Hilfesystem stehen Instrumente zur Verfügung, die als Reaktion auf die Diagnose er- folgreiche Hilfe ermöglichen. Dies ist der Hinter- grund des in den letzten Jahren beobachtbaren psychosozialen Diagnostikbooms in der Sozialen Arbeit, von der (sprachlichen) Frühförderung über die Arbeitslosenförderung und Berufshilfe bis hin zu den Erziehungshilfen. Neuere Ansätze einer psychosozialen Diagnostik im Bereich der Sozialen Arbeit (zum Überblick Heiner 2004), wie etwa die Diagnosetabellen des Bayerischen Landesjugendamtes (Hillmeier 2004), sind gekennzeichnet durch eine standardisierende Reduktion von Komplexität. Mit Hilfe von Frage­ bögen sollen diagnostisch für wichtig erachtete Aspekte erfasst werden, die den SozialarbeiterInnen ein zielgenau(er)es Urteil über den „Fall“ erlauben und damit die Grundlage für eine passgenaue Hilfe liefern. Der Neodiagnostik-Boom in der Sozialen Arbeit ist ebenso nahe liegend wie überraschend. Nahe liegend ist er, weil ohne eine Technisierung des Hilfeprozesses schon an dieser Schwelle die Logik der Rationalisierung des Hilfeprozesses nicht auf- recht zu erhalten wäre. Überraschend ist der Boom, weil die Soziale Arbeit die Problematik von Diagnosen bereits ausgiebig diskutiert hat und zu einer eher kritischen Haltung gelangte. Demnach sind Diagnosen einige strukturelle Merkmale zu eigen, die aus Sicht der Sozialen Ar- beit durchaus problematisch sind. In diagnosti- schen Prozessen geht es demnach immer um „die Rekonstruktion der Entstehung eines Defizits / ei- ner Störung in einem Individuum, die implizite Prüfung auf Zuständigkeit, die Beteiligung der so als hilfsbedürftig Diagnostizierten ist nur insoweit wichtig, als deren Deutungsmuster Anregungen oder Material zur Interpretation bieten“ (Kunst- reich et al. 2004, 29). Diagnosen sind mithin nicht nur in der Regel defizitorientiert, auch ist der Prozess der Diagnose ein asymmetrischer: Ein Fachmann fällt auf der Basis seines Fachwissens ein Urteil, das für den Betroffenen folgenreich ist. Dieses Modell mag in der Medizin funktionieren, für die Soziale Arbeit taugt es nicht. Hier geht es in der Regel nicht um ein isolierbares Problem, dem in erster Linie technisch angemessen zu be- gegnen ist. Gegenstand der Sozialen Arbeit sind zumeist das gesamte Leben, die Lebensplanung, Lebenslagen, Alltagsroutinen, Ängste, Konflikte, fehlende Ressourcen, Emotionen. Oder in den Worten B. Müllers (1992, 110): „Sozialpädagogik ist nun mal eher eine ‚Natursportart‘ als eine ‚Hallensportart‘, sie findet primär im Alltagskon- text der Klienten selbst und nicht im professio- nellen Setting statt.“ Und gerade weil es eben in der Sozialen Arbeit nicht nur um die Fakten geht, sondern mehr noch um die Deutungen und Ver- arbeitungsmuster von biographischen Erfahrun- gen und Lebenslagen, ist eine Vorstellung von Diagnostik, die allein oder vorrangig auf das fach- männische Urteil des Sozialarbeiters setzt, nicht nur unsinnig, sondern gefährlich, wie Burkhard Müller (1991, 57) dies am Beispiel der Psychiatrie aufgezeigt hat. In der Sozialen Arbeit hatte sich deshalb ein Verständnis durchgesetzt, das die dia- logische Aushandlung des Gegenstandes der Hilfe zum Ausgangspunkt nahm – institutionalisiert etwa in Form der Hilfeplankonferenzen in den Er- ziehungshilfen. Die Diagnosetabellen des bayeri- schen Landesjugendamtes und strukturell ähnliche Instrumente setzen nun, der neuen Logik des Sozialmarktes folgend, wieder deutlich stärker auf das Expertenurteil. Die Technisierung des Urteils- prozesses durch Diagnosetabellen, Merklisten, Test- verfahren u. ä. mag dabei den Anschein der Profes- sionalisierung erhöhen, der strukturellen Probleme einer Diagnostik, die das ganze Leben des Klienten, seine Sichtweisen, Denk- und Deutungsmuster in den Blick nehmen muss, entgeht sie aber ebenso wenig wie der Frage, ob denn ihre Diagnosen auch kausal mit entsprechenden Hilfsangeboten in Ver- bindung gebracht werden können. b) In der Logik des Konkurrenz- bzw. Markt- modells müssen die Leistungen der Anbieter sozia- ler Dienstleistungen miteinander vergleichbar sein. Dazu ist es notwendig, die Leistungserbringung transparent und erfassbar zu gestalten, wozu unter anderem die Instrumente der Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung dienen, die in allen Fel- dern der Sozialen Arbeit von der Kindertages- betreuung bis zur Altenarbeit den Alltag der Praxis durchdrungen haben. Sie sollen gewährleisten, dass die Klienten (und die Geldgeber) bestimmte Leis- tungen erwarten können, die als wirkungsvoll und angemessen angesehen werden. Die Instrumente

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=