Handbuch 5. Auflage
1030 Galuske sind darüber hinaus von besonderer Bedeutung für die Inszenierung von Wettbewerb, denn erst wenn Qualitäten sichtbar und messbar werden, können Angebote einzelner Wettbewerber miteinander verglichen werden. Insofern nimmt die Bestim- mung und Kontrolle der Qualität sozialer Dienst- leistungen eine zentrale Rolle im Modell des Kon- traktmanagements ein. Um die Qualität sozialpädagogischer Angebote zu erfassen und zu kontrollieren, sind im Feld der Sozialen Arbeit in den letzten Jahren verschiedenste Vorgehensweisen erprobt und implementiert wor- den, die im weitesten Sinne unter dem Begriff des Qualitätsmanagements zusammengefasst werden können. Qualitätsmanagement umfasst „alle Tätig- keiten der Gesamtführungsaufgabe, welche die Qualitätspolitik, Ziele und Verantwortungen fest- legen, sowie diese durch Mittel der Qualitätspla- nung, Qualitätslenkung, Qualitätssicherung und Qualitätsverbesserung im Rahmen des Qualitäts- managementsystems verwirklichen“ (Burmeis- ter / Lehnerer 1996, 19). Qualitätssicherung zielt dabei in erster Linie darauf ab, „den Kunden ge- genüber zu dokumentieren, dass das Unternehmen Qualitätsanforderungen festgelegt hat und diese in rationeller Weise erfüllt“ (von Bandemer 1998, 370). Insofern sind nicht so sehr die Ergebnisse undWirkungen von Dienstleistungen Gegenstand, sondern vielmehr die transparente Darlegung der Bemühungen um ein bestimmtes, vorher definier- tes Verfahren der Produktion. Diese garantierten Verfahrensschritte und -standards werden in einem Qualitätshandbuch dokumentiert, das jeder An- bieter, der sich nach DIN ISO zertifizieren lassen will, nach bestimmten Regeln zu erstellen hat. Die praktischen Konsequenzen des Qualitätsbooms in der Sozialen Arbeit sind bekannt. Kaum eine so- ziale Einrichtung, die nicht Leitbilder entwickelt, Produkte definiert, Qualitätshandbücher verfasst, Qualitätssicherungsbögen ausfüllen lässt usw. Die flächige Ausbreitung der betriebswirtschaftli- chen Instrumente des Qualitätsmanagements ge- schah dabei trotz deutlicher Vorbehalte der Fach- diskussion. So ist etwa hinsichtlich der Angebote der Sozialen Arbeit keineswegs eindeutig, wer ei- gentlich der Kunde ist, dessen Bedarf befriedigt werden soll. Auch wird angemerkt, dass die Kon- zentration auf messbare Indikatoren die Gefahr in sich birgt, dass genau jene Aspekte sozialpädagogi- schen Handelns, die zwar den Kern des fachlichen Selbstverständnisses ausmachen, aber nicht un- mittelbar messbar sind, wie z. B. Beziehungsquali- tät, lebenswelthermeneutische Sensibilität, sozial- politische Expertise etc. sukzessive an Bedeutung und Raum verlieren (Thole /Cloos 2000, 558). Die Definition dessen, was die Qualität sozialer Dienstleistungen ausmachen könnte, wird so im- mer mehr aus fachlichen Legitimationszusammen- hängen gelöst und sukzessive dem Diktat eines technizistisch verkürzten Effizienz- und Effektivi- tätsdenkens geopfert. c) Nach Auffassung von Polutta (2006, 267) ist der dritte methodische Aspekt, der Diskurs um Wir- kungsorientierung sozialpädagogischer Angebote, als eine Weiterentwicklung und „Fortführung des Qualitätsdiskurses in der Jugendhilfe [zu verstehen, M.G.], die – folgt man dem klassischen Donabe- dian’schen Dreischritt von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität – nun den Aspekt der Ergebnisse in den Mittelpunkt rückt.“ Holger Ziegler (2006, 264) fasst den Kerngedanken wie folgt zusammen: „Verfahren, die die Wirkungen Sozialer Arbeit den Zufäl- len und Vorlieben der SozialarbeiterInnen entziehen und stattdessen ‚evidenz-basiert‘ ein Höchstmaß an Effektivi- tät und Effizienz der sozialpädagogischen Interventionen ermöglichen sollen, basieren in der Regel auf empirisch identifizierbaren Risikofaktoren. Diese stellen die ver- meintlich (einzige) ‚valide‘ Entscheidungsgrundlage einer evidenz-basierten Sozialen Arbeit dar. Wenn dabei von den erwiesenermaßen effektivsten Interventionen die Rede ist, geht es um jene standardisierbaren Handlungs- programme, die die je risikogruppenclusterspezifisch höchste statistisch messbare Wirkungswahrscheinlichkeit ausweisen.“ Im Sinne eines medizinischenWirkungsnachweises (Welche Therapie hat bei welcher Erkrankung die höchste Heilungschance?) soll ermittelt werden, welches pädagogische Setting bei welchem sozialen Problem die statistisch betrachtet höchste Erfolgs- wahrscheinlichkeit aufweist. Unabhängig davon, dass damit der alte Grundsatz der Sozialen Arbeit „Behandle ungleiche Wesen ungleich“ (Salomon 1926, 61) zugunsten einer statistischen Erfolgswahrscheinlichkeit verabschie- det wird, vollendet sich hier die „managerielle Steuerungsphantasie“ des neuen Denkens. „Die Idee einer evidenzbasierten Vorgehensweise be- steht… darin, AdressatInnen einem standardisier-
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