Handbuch 5. Auflage
Armut und Armutspolitik 103 spielt die zeitliche Dimension eine maßgebliche Rolle: Sagt uns die Kenntnis der Unterausstat- tung /Unterversorgung zu einem Zeitpunkt oder einer Reihe von Zeitpunkten etwas über den jewei- ligen Umfang und die Zusammensetzung der Ar- menbevölkerung aus, so lassen sich den Daten zum zeitlichen Verlaufsmuster der Armut Informatio- nen über Armutsbiographien oder Armutskarrieren , also Aufstiegs-, Abstiegs- und Verbleibsprozessen aus / in Armut, entnehmen (Leibfried et al. 1995). Schließlich erfordert die Einbeziehung von imma- teriellen Dimensionen der Armut – insbesondere der subjektiven Wahrnehmung und der Bewälti- gungsformen von Armut – die Analyse der „Le- benswelt Armut“ (z. B. zum Problem der Kinder- armut: Holz et al. 2005; Zander 2005). Erst auf dieser Grundlage lassen sich subjektive Bedeutung und die Folgen der Armut auf individueller wie auf gesamtgesellschaftlicher Ebene angemessen erfas- sen und bewerten. Wissenschaftliche und politische Thematisierung von Armut Die wissenschaftliche und politische Beschäftigung mit dem Problem der Armut ist durch Konjunktu- ren gekennzeichnet und spiegelt den jeweiligen his- torischen Stand der ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen der Bevölkerung wie auch den Entwicklungsstand der sozialwissenschaftlichen Diskussion wider. So war zwar in den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg die Armut der Bevölkerung ein vielbeachtetes Problem in Westdeutschland, mit der Überwindung der unmittelbaren Nachkriegs- not ebbte das Interesse an der Armut aber rasch wieder ab. Zwischen Ende der 1950er und Mitte der 1970er Jahre war in der sozialwissenschaftlichen und sozialpolitischen Debatte Armut kein Thema. Vorherrschend war vielmehr die Überzeugung, dass durch die „immerwährende ökonomische Pros- perität“ in Verbindung mit einem Ausbau des „So- zialstaatsmodells Deutschland“ eine dauerhafte Überwindung materieller Not gelungen sei. Erst im Verlauf der 1970er Jahre erwachte das Inte- resse an der Armut. Ausgehend von der Auseinan- dersetzung mit der Randgruppenproblematik ent- standen erste theoretische und empirische Studien, im Rahmen derer unterschiedliche Dimensionen von Unterversorgung und Benachteiligung thema- tisiert wurden, ergänzt durch Studien zur Armut im Sinne von Sozialhilfebedürftigkeit. Größere öf- fentliche und politische Resonanz fand allerdings erst die politische Kampfschrift von Heiner Geißler (1976) zur „Neuen Sozialen Frage“ , in der die Ent- stehung von Armut nichtorganisierter gesellschaft- licher Gruppen aus der Lösung der „alten Sozialen Frage“ – insbesondere aus dem Wirken von Sozial- staat und Gewerkschaften – hergeleitet wurde. Die Thesen Geißlers lösten eine intensive theoretische und politische Auseinandersetzung um Erschei- nungsformen und Ursachen der Armut aus und gaben Anstoß zu einer breiter angelegten wissen- schaftlichen Armutsforschung in der Nachkriegs- Bundesrepublik. Vor allem ökonomische Studien zur Einkommensarmut und soziologische Studien zur Lebenslage Armut, die im Zusammenhang mit dem Sozialpolitischen Entscheidungs- und Indika- torensystem (SPES-Projekt) und später mit dem Sonderforschungsbereich 3 an den Universitäten Frankfurt und Mannheim entstanden, waren von wegweisender Bedeutung (z. B. Hauser et al. 1981). In den 1980er Jahren gelang es einer Veröffent- lichung des Rheinischen Journalistenbüros mit dem Titel „Die neue Armut“ (Balsen et al. 1984), das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit für das Thema Armut bzw. den Zusammenhang von Ar- beitslosigkeit und Armut zu gewinnen. Unter dem Begriff „Neue Armut“ bestimmte dieser Zusam- menhang – gestützt durch weitere Studien (Klein 1987) – die Armutsdebatte der 1980er Jahre. Paral- lel dazu setzte eine erneute Auseinandersetzung um den Zusammenhang zwischen der Existenz von Ar- mut und der „Politik des Sozialstaats“ ein, im Rah- men derer die armutspolitischen Defizite des deut- schen Sozialstaatsmodells untersucht und kritisch gewürdigt wurden (z. B. Leibfried /Tennstedt 1985). Die 1990er Jahre waren durch eine immer reich- haltigere theoretische und empirische Auseinan- dersetzung mit dem Problem der Armut gekenn- zeichnet. So wurde die Beschränkung der Armutsdebatte auf die Einkommensarmut kriti- siert und in Anlehnung an den Weisserschen Le- benslagenansatz für die Heranziehung eines Le- benslagenkonzepts der Armut plädiert (Döring et al. 1990). Daneben wurde die bisherige Beschrän- kung auf zeitpunktbezogene Querschnittsanalysen von Armut kritisiert und wurden – angestoßen
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