Handbuch 5. Auflage
Migration 1039 In den vier Jahren zwischen 1988 und 1991 sind ca. 1,2Mio. Aussiedler in die Bundesrepublik ein- gewandert. Auch gegen sie wurden „Eindäm- mungsmaßnahmen“ ergriffen, jedoch erhalten sie Eingliederungshilfen und die Einbürgerung als Rechtsanspruch. Durch die Reduzierung der Ein- gliederungshilfen, durch Hilfen zum Verbleib in den Ländern der früheren Sowjetunion und durch Steuerung über die deutschen Botschaften ist die Zuwanderung jährlich zurückgegangen; von knapp 400.000 im Jahr 1990 über 95.000 in 2000 auf 7.747 in 2006 (Bundestagsdrucksache 16 / 7705, 40). Die dritte Gruppe der Migranten sind Flüchtlinge. Die politische Diskussion über das Asylrecht, die seit Anfang der 1980er Jahre in Deutschland in- tensiv geführt wurde und Anfang der 1990er Jahre erheblich eskalierte, hat diese Gruppe in das Zen- trum öffentlicher Aufmerksamkeit gerückt. Mit der Grundgesetzänderung vom 28.6.1993 wurde dieser Prozess vorläufig abgeschlossen; die tiefgreifende Änderung des Asylrechts hat eine völlig neue Situa- tion geschaffen. Im Jahr 1992 haben ca. 438.191 Personen einen Antrag auf Gewährung von Asyl in Deutschland gestellt; 2000 waren es 78.564 und im Jahr 2006 21.029. Aussiedler- und Asylbewerber- zuwanderung sind also historische Phänomene ge- wesen, wobei Fluchtbedingungen immer wieder neu entstehen. Asylbewerber sind jene Flüchtlinge, die aufgrund des Art. 16 des Grundgesetzes Asyl be- antragen, weil sie politisch verfolgt sind. Es lassen sich fünf Gruppen unterscheiden: Asylbewerber, über deren Antrag noch nicht ent- ■ ■ schieden ist. Diejenigen, über deren Antrag positiv entschieden ■ ■ wurde. Sie leben als anerkannte Flüchtlinge mit ei- nem relativ sicheren Rechtsstatus in Deutschland (Anerkennungsquote 0,8% im Jahr 2006). Diejenigen, deren Antrag zwar abgelehnt wurde, ■ ■ die aber aus politischen, rechtlichen oder humani- tären Gründen nicht in ihre Heimatländer abge- schoben wurden (weil ihnen z.B. Tod oder Folter droht), De-facto-Flüchtlinge genannt (Anerken- nungsquote 2006: 5,6%). Kontingentflüchtlinge ■ ■ , die – wie die vietnamesi- schen „Boat People“ – als Gruppe aufgenommen wurden. Hinzu kommen Zuwanderergruppen, für die – wie für Juden aus Russland – besondere Re- gelungen getroffen werden (2006: 1.079 Personen). Bürgerkriegsflüchtlinge ■ ■ , deren Aufenthalt durch das Ausländerrecht eigenständig geregelt ist (zu den Daten vgl. Bundestagsdrucksache 16 / 7705). Die Einteilung der Ausländer /Migranten kann noch um einige Gruppen ergänzt werden, die aus einer systematischen Perspektive relevant sind: aus- ländische Studierende mit kurzem oder längerem Aufenthalt, Touristen und Geschäftsreisende, Sta- tionierungsstreitkräfte und Diplomaten. Insbeson- dere ausländische Studierende können als qualifi- zierte Arbeitskräfte seit dem Zuwanderungsgesetz 2005 auf Dauer in Deutschland bleiben. Migrationstheorie Der Gegenstandsbereich von Migrationstheorien wird durch den Begriff der Migration zu anderen Fragestellungen hin abgegrenzt und zugleich intern strukturiert. Das Interesse der Theorie richtet sich auf die Gründe der Auswanderung, auf den Prozess der Migration und auf die Folgen der Einwan- derung. Die Analyseebene derMigrationsforschung kann dabei das wandernde Individuum, die wan- dernde Gruppe oder die Wanderungsbewegung größerer Kollektive sein. Die Analyse der Wan- derungsgründe wie der -folgen lässt sich allerdings nur durchführen, wenn neben den Migranten selbst die Strukturen des Auswanderungskontextes und die Strukturen der Einwanderungssituation berücksichtigt werden. Migrationstheorie hat also die Gesamtheit der Aus- und Einwanderungsgesell- schaft in den Blick zu nehmen. Dies bedeutet, dass auch für die Analyse des Wanderungsprozesses die Relation von Ein- und Auswanderungsländern ins- gesamt betrachtet werden muss (Düwell 2006; Han 2005; Treibel 2008). Die allgemeinste Fragestellung der Migrationstheo- rie ist die nach der Verteilung von Migration auf die Epochen der menschlichen Geschichte. Zu allen Epochen der menschlichen Geschichte gehören ty- pische Formen der Migration, vom kleinräumlichen Herumziehen über Völkerwanderungen, Verschlep- pung von Sklaven und Massenbesiedlungen bis hin zur modernen Arbeitskräftemobilität und Land- Stadt-Wanderung (zu Europa vgl. Bade 2000). Ein Modell für den Gesamtzusammenhang der Wanderung ist die Klassifikation von Push- und Pull-Faktoren und ihr Zusammenspiel. Auf der
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