Handbuch 5. Auflage
1040 Hamburger einen Seite werden die Gründe für Migration er- fasst ( Push ), auf der anderen Seite werden die Gründe für die Attraktivität eines Ziellandes der Migration zusammengestellt ( Pull ). Diese Analyse lässt sich auf der Ebene des individu- ellen oder kollektiven Bewusstseins der Migranten durchführen und beantwortet die Fragen, wie Mig- ranten ihre Lebensbedingungen wahrnehmen, wie sie die Chancen einer Migration beurteilen, wie sie die Informationen über das Zielland oder über stattgefundene Migration (möglicherweise von früheren Migranten aus ihrem sozialen Umfeld) verarbeiten usw. Die Analyse kann auch durch- geführt werden auf der Ebene objektiver Bedin- gungen im Auswanderungskontext (wirtschaftliche Lage, Position der Migranten, gesetzliche und poli- tische Regelungen) und im Zielland (wirtschaftli- che Entwicklung, Arbeitsplatzangebot, Siedlungs- gebiete, staatliche Regelungen zum rechtlichen Status der Migranten, zur Regulierung der Migra- tion und zur sozialen Versorgung usw.). Als dritte Ebene der Analyse – der Verknüpfung von objekti- ven und subjektiven Bedingungen – sind die Ent- scheidungsprozesse bei potenziellen Migranten und die Dynamik eines „Wanderungsstroms“ zu betrachten. Von dessen Verlauf gehen viele verstär- kende Impulse aus, wenn über Erfolge der Migra- tion berichtet wird, während Berichte über das Scheitern von Auswanderung den Prozess abbrem- sen. Diese Eigendynamik hat eine große Bedeutung für das Verständnis bestimmter Abläufe (z. B. „Goldrausch“). Das Grundmodell von Push und Pull wird in den Theorien zur Arbeitsmigration näher bestimmt. Diese Theorien präzisieren (und reduzieren dabei entscheidend) die Wanderungsursachen im Hin- blick auf ökonomische Kalküle der Einkommens- steigerung oder -sicherung durch Migration und die Attraktivität von Zielländern im Hinblick auf die Arbeitskräftenachfrage. Der „Faktor Arbeit“ orientiert sich an den besten Lohnbedingungen und migriert, der „Faktor Kapital“ fragt so lange Arbeitskräfte nach, wie sie produktiv für den Un- ternehmenszweck sind. Migration lässt sich in die- sem ökonomischen Modell als „optimale Alloka- tion des Faktors Arbeit“ beschreiben, als regionaler Bedarfsausgleich mit ökonomischen Vorteilen für alle Betroffenen. Das Problem ist dabei, dass die Annahmen der Theorien über „Faktormobilität und Arbeitskräfteoptimum“ immer nur für einen bestimmten Betrieb oder Produktionssektor und einen bestimmten kurzen Zeitraum gelten. Auf der Seite der Arbeitskräftenachfrage gibt es je- doch viele Alternativen, von der Rationalisierung der Produktion bis hin zu Kapital-, Waren- und Dienstleistungsexport. Die Mobilität dieser drei Faktoren ist neben dem der Arbeit gerade durch die europäische Integration und die Verflechtung der Weltwirtschaft enorm gewachsen. Die Arbeits- migration läuft dabei vielfach der flexiblen Kapital- mobilität hinterher. Der zeitliche Rhythmus der produktiven Verwertung von Arbeitskräften hat gleichzeitig eine andere Einteilung (Sequenzierung) als die Arbeitsbiografie von Migranten: Sie werden häufig zu einem bestimmten Zeitpunkt gebraucht und je nach Konjunkturverlauf nach kürzerer oder längerer Beschäftigungszeit wieder entlassen. Dann müssen sie entweder wieder migrieren, auf erneute Beschäftigung warten, von Sozialleistungen leben oder das Ersparte aufbrauchen und damit die Wan- derungsziele aufgeben. Die materiellen und sozialen Kosten der Migra- tion, die Bindungen an den Herkunftskontext, die Unsicherheit des Migrationserfolgs und ähn- liche Umstände machen deutlich, dass das Men- schenbild des „Homo oeconomicus“ unzutreffend ist. Zwischen einem ökonomischen Migrations- impuls und der tatsächlichen Migration kommen also individuelle, soziale, kulturelle und histori- sche Bedingungen differenzierend zum Tragen. Als solche „Differenzierungskriterien“ zeigen die empirischen Untersuchungen vor allem folgende Merkmale auf: Alter (damit verbunden Familien- stand, Berufsstatus, soziale Einbindung, erreichte soziale Sicherheit, Generationen- oder andere Konflikte), Geschlecht, Bildungsgrad, Persönlich- keitsmerkmale. Neben den individuellen Bedin- gungen sind vor allem die objektiven und wahr- genommenen Kosten der Migration und Remigration sowie die Wanderungsdistanzen be- deutsam. Auch in der „politischen Ökonomie“ des Imperia- lismus werden weniger die individuellen Kalküle betrachtet als vielmehr das Wirken von allgemei- nen Mechanismen und Strukturen. Die Dominanz des Profitprinzips und die Ungleichheit der Märkte führen dazu, dass Arbeitsmigranten als „indus- trielle Reservearmee“ ganz den Verwertungsbedin- gungen des Kapitals unterworfen werden. Im Kri senzyklus der wirtschaftlichen Entwicklung werden
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