Handbuch 5. Auflage
Migration 1041 sie angezogen oder ausgestoßen, ihre Reprodukti- onskosten werden der Herkunftsgesellschaft oder dem Sozialsystem des Einwanderungslandes auf- gebürdet (Harbach 1976). Eine produktive Wendung haben die ökonomi- schen Theorien durch die allgemeine Theorie von Zentrum-Peripherie-Beziehungen erhalten. Die Ver- hältnisse in und zwischen Gesellschaften werden dabei rekonstruiert in einem Modell konzentri- scher Kreise, die sich um einen Mittelpunkt von ökonomischer, politischer und militärischer Macht legen. Die Gruppen – oder im internationalen Raum: die Länder – mit geringen Chancen, auf den Gang der gesellschaftlichen Entwicklung und Entscheidungen Einfluss zu nehmen, bilden die Peripherie. Migration kann nun als eine konkrete Form der Beziehung zwischen Zentrum und Peri- pherie verstanden werden. Wenn das Zentrum Ar- beitskräfte benötigt, werden sie angeworben bzw. wird Migration durch Einwanderungsregelungen zugelassen; wenn das Zentrum keine Arbeitskräfte benötigt, werden die Migranten an den Rand der Gesellschaft gedrängt, ihr Aufenthalt wird befristet und schließlich beendet. Die Peripherie hat dann die potenziellen Migranten so lange „aufzubewah- ren“, bis sie wieder gebraucht werden (Harbach 1976; Nuscheler 1995). Auch in der Systemtheorie der Migration wird Un- gleichheit systematisch als Migrationsbedingung erfasst. Dies gilt insbesondere für die Theorie, die von Hoffmann-Nowotny (1973) entwickelt wurde. Betrachtet man Gesellschaften als Beispiel für Sys- teme, dann sind ihre zentralen Merkmalsdimensio- nen durch Macht und Prestige bestimmt. Dabei wird die Macht durch das Prestige legitimiert. Ein Gleichgewicht würde in Gesellschaften dann be- stehen, wenn das Ausmaß der Macht, mit der die verschiedenen Positionen ausgestattet sind, genau mit dem Prestige verbunden wäre, das die jeweilige Macht an Legitimation benötigt. Typisch aber ist, dass Macht und Prestige auseinanderfallen, was Dynamik in Gang setzt. Migration verstärkt das ihr zugrunde liegende Un- gleichgewicht zwischen den Ländern. Das macht- haltige System importiert sich Prestige, das schwä- chere System verliert auch noch von seinem Prestige. Im Einwanderungsland findet Spannungsausgleich auf einem höheren, im Auswanderungsland auf ei- nem tieferen Niveau statt. Wie im Auswanderungs- land auch, werden im Einwanderungsland nicht alle Spannungen reduziert, im Gegenteil. Ein Teil der Peripherie, nämlich der Unterschicht, erfährt durch die Migration einen sozialen Aufstieg, denn die Migranten nehmen die Arbeitsplätze am unteren Rand der Beschäftigungs- und Gesellschaftspyra- mide ein. Es findet eine Unterschichtung statt. Doch tritt die Mobilität nicht für alle ein, ein Teil der ein- heimischen ( autochthonen ) Bevölkerung sieht sich auf der gleichen sozialen Stufe wie die Migranten platziert. Für sie wird die Betonung ihrer Rechte als Staatsangehörige und ihrer Privilegien als Mitglieder des angestammten Volkes zu einem wichtigen Ele- ment ihres Selbstbewusstseins ( Nationalismus ). Sie unterstützen die politischen Praktiken, den Zugang zu den Gütern und begehrten Positionen in der Gesellschaft nicht mehr nach modernen Kriterien (Leistung ohne Ansehen der Herkunft), sondern nach feudalen Zuordnungsregeln zu steuern (bei- spielsweise Vorrang für Deutsche bei der Besetzung von Arbeitsplätzen). Durch diese Diskriminierung erfolgt eine Sperrung von Statuslinien für Migranten oder bestimmte Gruppen von ihnen, der Gesamt- prozess kann als neofeudale Absetzung charakterisiert werden. Diese Struktur braucht freilich nicht auf die Unterschicht beschränkt zu sein. Bei lang anhalten- den Krisen durch Arbeitslosigkeit in verschiedenen Schichten, bei Verarmung von Gruppen, differen- ziert über verschiedene Niveaus, bei Anwachsen von sozialer Ungleichheit, die politisch verstärkt werden kann, verteilt sich der neofeudale Mechanismus na- tionalistischer Selbstverständnisse und Schuld- zuschreibungen an Migranten über die ganze Gesell- schaft, Rassismus breitet sich aus (Terkessidis 2004). An den allgemeinen Migrationstheorien wurde in Deutschland (und der Schweiz) besonders in den 1970er Jahren gearbeitet. Dieses Jahrzehnt war von der sozialwissenschaftlichen Entdeckung der Einwan- derung bestimmt. Dies erforderte eine theoretische Neuorientierung, nachdem in den 1960er Jahren insbesondere arbeitsmarktbezogene Theorien im Vordergrund gestanden hatten. Der Abschluss der Anwerbung von Arbeitskräften und die Verände- rung der weiteren Zuwanderung hin zur Familien- zusammenführung in ganz Mitteleuropa veränderte auch die europäische wissenschaftliche Diskussion über Migration. Die Rezeption der amerikanischen Migrationstheorie war sowohl aufgrund ihres Ent- wicklungsstands als auch ihrer Themenstellung (Einwanderungsprozess) naheliegend. In den 1980er
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