Handbuch 5. Auflage
1042 Hamburger Jahren hat sich die Forschung dann eher empirischen Fragen zugewandt; zugleich wurde im Lichte neuer gesellschaftspolitischer Optionen (Zurückweisung germanisierender Integrationskonzepte, multikultu- relle Gesellschaft) die Theorieentwicklung der 1970er Jahre kritisch reflektiert. Die Abwehr der Migration im Verlauf der 1980er Jahre und schließ- lich die Gewalt gegen Ausländer in den 1990er Jah- ren lenkten die Aufmerksamkeit auf neue Themen, nämlich Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Da- mit wiederum ist eine Hegemonie psychologischer Erklärungsmodelle verbunden, insoweit die öko- nomischen und politischen Bedingungen dieser Phänomene aus dem Blick geraten. Die Auseinan- dersetzung um die Bedeutung bestimmter Theorien ist also Teil des gesellschaftlichen Konflikts bei der Bewältigung von Migrationsfolgen. Dies gilt auch für das Konzept der Transmigration , die einenTeil vonTransnationalität ausmacht (Pries 2008). Aus verschiedenen Quellen, insbesondere der Migration, gespeist entstehen transnationale soziale Räume, die zwar verankert sind in den Strukturen der Nationalgesellschaften, aber eigen- ständige ökonomische, soziale, politische und kul- turelle Strukturen ausbilden. Migration ist nicht nur als eine einmalige Mobilität von A nach B zu verstehen, sondern es lassen sich auch Pendelmi- gration, Mehrfachmigration, Rückwanderung und Weiterwanderung beobachten. Die Bildung globa- ler Märkte schließt den Arbeitsmarkt und seine höher qualifizierten Gruppen ein. Unter dem Ge- sichtspunkt von Transmigration erhalten die sozia- len Beziehungen und die kulturellen Bindungen in der ethnischen Kolonie eine besondere Bedeutung. Im Falle von Illegalisierung der Migranten, rassisti- scher Diskriminierung und restriktiver Regulierung der Migration werden diese Ressourcen lebens- wichtig; Konzepte der Integration verlieren an Be- deutung. Migration und Ausländerpolitik Die Migration in Deutschland hat nach 1945 in typischen Formen und Phasen stattgefunden (Bade 2000; Meier-Braun 2002; Flam 2007): (1) Nach dem Zweiten Weltkrieg und als dessen Folge flohen zwölf Millionen Menschen aus dem früheren Ostdeutschland in die DDR und die BRD. Die Integration der Vertriebenen verlief im Alltagsleben durchaus konfliktreich, war aber nicht mit einer prinzipiellen Neudefinition des staatli- chen und ethnischen Selbstverständnisses der „deutschen“ Gesellschaft verbunden. Allerdings ist aus der Perspektive heutiger Problemlagen in Er- innerung zu rufen, dass Regionen relativer konfes- sioneller Homogenität oder Segmentierung durch die Nachkriegswanderung aufgelöst wurden; die seitdem erreichte konfessionelle Pluralisierung und Mischung der Religionen ist ein bedeutsames Merkmal multikultureller Gesellschaften. (2) Die Anwerbung und dauerhafte Beschäftigung von Gastarbeitern seit Mitte der 1950er Jahre ist der zweite Migrationsschub, den die Bundesrepublik selbst in Gang gesetzt hat. Während es in der Bun- desrepublik eine Million Arbeitslose gab, wurde 1955 die erste Anwerbevereinbarung mit Italien ge- schlossen; bereits damals hat also nicht ein volks- wirtschaftliches Gesamtkalkül den Bedarf an auslän- dischen Arbeitskräften geweckt, sondern die Nachfrage einzelner Sektoren der Wirtschaft und Regionen. (3) Bis 1973 schien dann der Bedarf an Arbeits- kräften unbegrenzt zu wachsen, bevor die zweite Wirtschaftskrise eine neue Migrationsphase einlei- tete: die Zeit der Familienzusammenführung und des Strukturwandels der ausländischen Wohn- bevölkerung. Dieser Zeitraum findet seinen Ab- schluss mit den Jahren 1981 / 82, in denen eine restriktive Ausländerpolitik einsetzt und eine neue Migrationsepoche beginnt. (4) Die Epoche der 1980er Jahre ist charakteri- siert durch sehr widersprüchliche Entwicklungs- tendenzen: Begrenzungs- und Rückkehrförderungspolitik tre- a. ten zunehmend in Widerspruch zu faktischen Ein- wanderungsprozessen; neue Formen der Migration (illegale Anwerbung b. und Beschäftigung, Aussiedlung, Flüchtlingsbewe- gungen) entstehen; der Prozess der europäischen Integration schreitet c. voran und ist mit einem Verlust traditioneller Steue- rungsinstrumente zur Abwehr von Migration ver- bunden; die Integration der Bundesrepublik in den Welt- d. markt entwickelt eine rasante Dynamik; dabei wird es immer schwieriger, den Markt der Dienstleistun- gen und der Arbeit abzuschotten, will man nicht den ökonomischen Prozess stören;
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