Handbuch 5. Auflage
Armut und Armutspolitik 105 Auch wenn heute von einer breit gefächerten Ar- mutsforschung im vereinten Deutschland wie auch im europäischen Zusammenhang gesprochen wer- den kann, weist die Armutsforschung als ver- gleichsweise neues Feld der deutschen Sozialfor- schung nach wie vor Lücken auf. Es fehlt an differenzierten Analysen einzelner „Problemgrup- pen der Armut“ und gruppenspezifischer Verlaufs- muster der Armut ebenso wie an Untersuchungen zu den Auswirkungen sozialräumlicher Konzen- trationen und Kumulationen von Armut und un- terschiedlicher Verarbeitungs- und Bewältigungs- muster der Armut. Auch die armutspolitische Wirkungsforschung steht in der Bundesrepublik erst am Anfang. Exkurs: Armut im internationalen Vergleich Das Thema Armut wird im internationalen Kontext traditionell sehr viel stärker mit den sog. Entwick- lungsländern als mit hochentwickelten Industrie- und Dienstleitungsgesellschaften wie Deutschland assoziiert. Existiert doch in vielen dieser Länder Ar- mut nicht nur als Mangel an sozialer Teilhabe, son- dern in ihnen ist das physische Überleben großer Bevölkerungsgruppen in Frage gestellt. Die Verein- ten Nationen berichten regelmäßig über diese The- matik als Grundlage für ihre Empfehlungen und vielfältigen Hilfeprogramme. So wird in den für die Weltentwicklungsorganisation der UN (UNDP) jährlich erstellten Berichten über die menschliche Entwicklung (Human Development Reports) die Lebenssituation anhand des sog. Human Develop- ment Index (HDI) gemessen, einem Gesamtindex für das menschliche Wohlergehen, der eine Vielzahl von Einzelindikatoren für die Lebenserwartung, die Alphabetisierung, die Einschulungsquote und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf miteinander kom- biniert und für 189 Länder ausgewiesen wird. Auch die Weltbank informiert in ihrer Berichterstattung über die weltweite Armutslage. Als zentrales Maß für extreme Armut wird hier der Betrag von 1$ zu- grunde gelegt, d.h. als extrem arm gelten Personen, denen weniger als der Gegenwert von 1$ proTag für das Überleben zur Verfügung steht. Trotz eines Rückgangs dieser Zahl seit 1990 (31,6%), mussten im Jahr 2004 immer noch 19,4% der Weltbevöl kerung mit weniger als 1$ pro Tag auskommen. Rund eine Milliarde Menschen leiden nach Anga- ben der Welternährungsorganisation der UN (UN- FAO) chronisch an Hunger. Im Rahmen einer Mil- leniumskampagne strebt die UN bis 2015 an, den Anteil der extrem Armen gegenüber 1990 zu halbie- ren. Darüber hinaus soll auch der Anteil derer, die Hunger leiden, halbiert werden und Vollbeschäfti- gung in „ehrbarer Arbeit“ für alle erreicht werden. Auch die UN hebt hervor, dass materielle Armut in diesen Ländern in der Regel mit immateriellen As- pekten der Armut einhergeht und viele Menschen keinen Zugang zu Einrichtungen der Bildung, Ge- sundheit und sozialen Infrastruktur haben und ih- nen die Teilnahme am öffentlichen Leben verwehrt wird. Untersuchungen und Berichte zur Armutslage in den Industrieländern werden inbes. von der Orga- nisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) regelmäßig veröffentlicht. Dabei war und ist diese Organisation auch für die methodische Entwicklung von Messverfahren für Ungleichheit und Armut maßgeblich. Innerhalb der Europäischen Union ist es vor allem Aufgabe des statistischen Amts der Europäischen Union (EUROSTAT), Statistiken und Analysen zum Thema Armut und soziale Ausgrenzung vorzule- gen. Auch hier stehen Analysen zur Einkommens- armut im Mittelpunkt. In den letzten Jahren sind aber auch Analysen zu materieller Deprivation und zu sozialer Ausgrenzung auf Basis eines breiteren Indikatorenbündels veröffentlicht worden. Als Datengrundlage für die Berechnung der Indikato- ren diente zunächst das Europäische Haushalts- panel (ECHP) und seit 2005 der für alle Mitglieds- staaten verfügbare Survey on Income and Living Conditions (EU-SILC). Schon seit den 1970er Jahren hat die EG und später die EU eine aktive Rolle in der Politik ge- gen Armut in den europäischen Mitgliedsstaaten übernommen. Im Rahmen mehrerer Armutspro- gramme hat sie Untersuchungen zur Armut in Auftrag gegeben, beispielhafte Programme und Projekte unterstützt und den Austausch zwischen den Mitgliedsstaaten gefördert. Darüber hinaus hat sie mit ihren Empfehlungen zu Mindestein- kommen sowie zur Modernisierung der Sozial- schutzsysteme in den Mitgliedsstaaten wichtige Impulse zu einer Weiterentwicklung der Politik gegen Armut gegeben. Mit der offenen Koor- dinierung der Politik der Mitgliedsstaaten zum
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