Handbuch 5. Auflage
106 Hanesch Kohäsionsziel im Rahmen der Lissabon-Strategie ist diese Rolle noch verstärkt worden. Seitdem koordiniert die Kommission die von den Mit- gliedsstaaten in regelmäßigen Abständen erstellten Nationalen Berichte zur Sozialen Eingliederung bzw. seit 2008 die Nationalen Strategieberichte zu Sozialschutz und sozialer Eingliederung. In diesen Berichten informieren die Mitgliedsstaaten auf der Basis gemeinsamer Ziele sowie gemeinsamer Indi- katoren und Datenquellen über die Entwicklung von Armutslagen und über die Erfolge ihrer Politik gegen Armut (BMAS 2008b). Die nationalen Be- richte werden von der Kommission in gemein- samen Berichten zusammenfassend dargestellt, eingeordnet und kommentiert (European Com- mission 2009). Im Jahr 2010 hat die Europäische Kommission anlässlich des Europäischen Jahrs ge- gen Armut und soziale Ausgrenzung eine zusam- menfassende Bestandsaufnahme zu Armut in der EU veröffentlicht (European Union 2010). Der Bericht präsentiert auf der Basis vielfältiger statisti- scher Befunde Informationen zur sozialen Un- gleichheit, zu materieller Armut und sozialer Aus- grenzungsowiezudensozialenSicherungsleistungen in den Mitgliedsstaaten. Neben der amtlichen Statistik und Berichterstat- tung der EU hat die Wissenschaftliche Armuts- forschung in den Mitgliedsstaaten eine Fülle an Informationen zu Armut und Armutspolitik in der EU bereitgestellt. Gefördert durch europäische und nationale Förderinstitutionen hat eine Viel- zahl von Forschungsprojekten und Forschungs- netzwerken dazu beigetragen, das Wissen um Ar- mut zu erweitern und zu vertiefen. Europäisch vergleichende Studien reichen dabei von Quer- schnittsvergleichen, Zeitreihen von Querschnitten über Längsschnittanalysen bis zur Analyse von Wirkungsfaktoren und zu Vergleichen von Wohl- fahrtsstaatstypen. Erscheinungsbild und Ursachen der Armut: Das Beispiel Einkommensarmut Jahrzehntelang war die Einkommensverteilung in Deutschland durch ein hohes Maß an Stabilität gekennzeichnet. Seit den 1990er Jahren ist diese Stabilität abhanden gekommen. Vielmehr ist seit- dem ein Prozess der zunehmenden Auseinander- entwicklung der Einkommensverteilung zu be- obachten. Eine Vielzahl von Analysen auf Basis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) sowie des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) stimmen darin überein, dass seitdem nicht nur die Ungleichheit der Einkommen zugenommen, son- dern sogar eine Polarisierung der Einkommensver- teilung eingesetzt hat. So haben z. B. Grabka und Frick (2008) gezeigt, dass im Zeitraum 1992 bis 2006 die Besetzungszahlen der mittleren Einkom- mensgruppen geschrumpft sind, während im glei- chen Zeitraum die Besetzungszahlen in den unte- renundoberenRändernderEinkommensverteilung immer stärker zugenommen haben. Damit zeich- nen sich in der personellen Einkommensverteilung Deutschlands ähnliche Trends wie in den angel- sächsischen Ländern ab: Während die Mittelschicht zunehmend erodiert, nehmen Reichtum und Ar- mut immer mehr zu. Vor diesem Hintergrund ist die Zunahme von Armut als eine extreme Ausprä- gung der wachsenden sozialen Ungleichheit zu in- terpretieren. Allein im Zeitraum 1998 bis 2006 ist unter Zugrundelegung des SOEP die Armutsquote von 12,3 auf 18,6%, also um rund 50% angestie- gen (Grabka et al. 2007). Überdurchschnittlich stark von Armut betroffen waren im Jahr 2006 insbes. Kinder im Alter bis 16 Jahren, Jugendliche und junge Erwachsene; mehr als jedes vierte Kind lebte unterhalb der Armuts- schwelle. Vergleichbares galt für Haushalte mit Kindern, vor allem für Haushalte von Alleinerzie- henden und Haushalte von kinderreichen Fami- lien. Auch Haushalte mit Migranten und Auslän- dern lebten überdurchschnittlich häufig in Armut; im Falle von Migranten umso häufiger, je kürzer der Zeitpunkt der Einwanderung zurücklag. Die höchste Armutsquote wiesen nach wie vor Arbeits- lose auf, vor allem Langzeitarbeitslose. Seit den 1980er Jahren hat sich die anhaltende Arbeitslosig- keit zur Hauptursache von Armut entwickelt. Um- gekehrt lagen die Armutsquoten bei Älteren bzw. bei Rentnern ebenso wie bei Erwerbstätigen unter dem Durchschnitt. Allerdings ist zu erwarten, dass die Altersarmut in den kommenden Jahren be- schleunigt zunehmen wird, da mit den Rentenre- formen des vergangenen Jahrzehnts eine Absen- kung des Rentenniveaus vorprogrammiert wurde. Zudem führen arbeitslosigkeitsbedingte Unterbre- chungen der Erwerbstätigkeit zu geringeren An- sprüchen auf Leistungen der gesetzlichen Renten-
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=