Handbuch 5. Auflage
Mobile Jugendarbeit 1051 Eckpunkte konzeptioneller Ausrichtung Mobiler Jugendarbeit Streetwork Streetwork ist als Methode nicht auf die Arbeit mit Jugendlichen beschränkt. Das breite Einsatzspek- trum zeigt eine Publikation zur aufsuchenden Ar- beit, in der Streetwork in der Hausbesetzerszene, in der Arbeit mit rechten Jugendlichen, Fußballfans, in der Drogenszene, in der Arbeit mit Prostituier- ten ebenso dargestellt wird wie in der Wohnungs- losenhilfe (Becker / Simon 1995). In diesem Sinne beschreibt Streetwork eine spezifische Zugangs- form aufsuchender und nachgehender Arbeit, wo- bei sich der Zugang nicht auf die Straße begrenzt. Deshalb scheint uns auch der Begriff Straßensozial- arbeit sowohl untauglich für die Beschreibung des komplexen Geschehens aufsuchender Arbeit wie auch für die Methode Streetwork im umfassende- ren Konzept Mobiler Jugendarbeit (Keppeler 1997). Streetwork bedeutet, dass die Mitarbei- ter(innen) auf Jugendliche auf öffentlichen Plätzen zugehen, mit ihnen in Parks, auf Schulhöfen, in Einkaufszentren, Kneipen, Diskotheken, Spielhal- len oder Bahnhöfen Kontakt suchen. Eine beson- dere Spannung besteht darin, dass Notlagen, Kon- fliktszenarien und Problemhypothesen hinsichtlich der jungen Menschen im öffentlichen Raum für die Auswahl der Kontakte handlungsleitend sind, weil gewissermaßen ein Hilfebedarf unterstellt wird, und damit eine „Defizitperspektive den Blick für das Empowerment verdeckt“ und die Stärken und positiven Fähigkeiten der Adressaten über- sehen werden (Dölker 2009, 103). In der Mobilen Jugendarbeit wird Streetwork in hauptsächlich zwei Formen umgesetzt: Die erste Form stellt ein city- oder szenenzentriertes Street- work-Konzept dar. Bei dieser Variante liegt der Schwerpunkt auf einzelfall- oder szenenbezogenen Kontakten und weniger auf Gemeinwesenorientie- rung. Der Schwerpunkt im Rahmen Mobiler Ju- gendarbeit liegt auf der zweiten Form der Street- work, dem stadtteilbezogenen Streetwork-Konzept. Hierbei stellt Streetwork die Möglichkeit dar, zu Jugendlichen im Stadtteil Kontakt aufzunehmen, Kontakt zu halten und sich über Entwicklungen im jeweiligen Stadtquartier kontinuierlich einen Überblick zu verschaffen. Diese Form der Bezie- hungsaufnahme setzt darauf, dass über die Kon- takte und Gespräche die Basis für weitergehende Unterstützungsprozesse gestaltet wird (Keppeler 1989; Wolfer 2007). Auch wenn es schwer vorstell- bar erscheint, wie mit äußerst misstrauischen, als ,aggressiv‘ stigmatisierten oder drogenabhängigen Jugendlichen Kontakte zustande kommen und da- nach vertrauensvolle und belastbare Beziehungen entstehen sollen, gestaltet sich die Situation der Kontaktaufnahme zumeist nicht schwierig. „Für das Einlösen des sozialarbeiterischen Hilfeverspre- chens ist dagegen viel entscheidender, welche Handlun- gen der StreetWorker der Kontaktaufnahme folgen lassen kann. Vertrauen als die Grundlage der Mobilen Jugend- arbeit entsteht nur, wenn der einzelne Jugendliche oder seine für ihn höchst bedeutsame Bezugsgruppe (Peers, Clique, street gang oder rechtsorientierte Bezugsgruppe) die Handlungen des Street Workers als vertrauenswürdig erfährt und interpretiert.“ (Specht 1989, 301) Mobile Jugendarbeiter finden nicht nur Kontakte zu Jugendlichen, sondern auch Kontakt zu Kon- trolleuren des öffentlichen Raums: der Polizei und Mitarbeitern des Ordnungsamtes. Der öffentliche Raum ist immer schon ein Ort, an dem unter- schiedliche Interessen aufeinanderprallen. Verlierer des Machtkampfs sind Arme, Prostituierte, Ob- dachlose, Drogenabhängige und jugendliche Gruppierungen (Simon 2001, 8 ff.). Um den öf- fentlichen Raum von störenden Gruppen frei zu halten, wird diese ordnungspolitische Forderung auch mithilfe der Polizei durchgesetzt. Sehr häufig hat die Polizei die Aufgabe, Treffpunkte zu beruhi- gen, Cliquen aus dem öffentlichen Raum zu ent- fernen und für Sicherheit zu sorgen. Dass dies nicht Aufgabe Mobiler Jugendarbeit ist, muss nicht nur im Kontakt mit der Polizei verdeutlicht werden (Grohmann 2009). Aufgaben, Rollen und Verfah- rensweisen Mobiler Jugendarbeit im öffentlichen Raum gilt es z. B. auch Mitarbeitenden von Ord- nungsämtern gegenüber zu erläutern und zu be- haupten. Dies gilt auch dann, wenn Pädagog(inn) en als Streetworker(innen) bei Events in Wochen- endszenen eingesetzt werden. Wochenendszenen sind Ansammlungen von Jugendlichen bzw. Grup- pen von Jugendlichen, die sich vor allem am Wo- chenende im öffentlichen Raum zusammenfinden, z. B. in den attraktiven Innenstadtkernen (Hitzler et al. 2001). Im Unterschied zu eindeutigen Szenen
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