Handbuch 5. Auflage

1052 Keppeler · Specht  im Bereich von Sucht, Wohnungslosigkeit, HIV oder Fans lassen sich diese Gruppen keiner be- kannten sozialen Problematik zuordnen. „Auch der Versuch, diese Jugendlichen anhand der be- kannten jugendkulturellen Stile zu identifizieren würde scheitern, beziehungsweise wäre nur sehr bedingt taug- lich, da es sich um eine diffuse Zielgruppe ohne eindeuti- gen subjektbezogenen Problemzusammenhang, ohne eindeutige Klassenlage und mit heterogener und wech- selnder jugendkultureller Orientierung handelt.“ (Mül- ler /Willms 2005, 139) Hitzler macht darauf aufmerksam, dass Szenen eine Art Gesinnungsgemeinschaften darstellen. Nicht die gemeinsamen Lebenslagen sind die Grundlage, son- dern „Leidenschaften und Neigungen“, „verführeri- sche Angebote“, außeralltägliche Erlebnisse, die im Rahmen von Events realisiert werden (Hitzler et al. 2001, 20). Zum Szenengänger gehört, dass es Mög- lichkeiten gibt, sich selbst in Szene zu setzen. Die Inszenierung dient dazu, entweder innerhalb der Szenenmitglieder oder durch Zuschauer von außen wahrgenommen zu werden. Im Unterschied zu Peergroups und festen Cliquen scheinen Szenen Prozesse der Vergemeinschaftung zunehmend als „Vehikel zur Befriedigung von Individualbedürfnis- sen“ im Kontext sozialer Anerkennung zu inszenie- ren. Müller und Willms machen darauf aufmerk- sam, dass bei der Behauptung der Eigenständigkeit des Arbeitsfeldes angesichts des kommunalen Ord- nungsdiskurses die Gefahr bestehe, professionelle gegen legitimatorische Handlungslogiken einzutau- schen. Eine Antwort auf die diffuse Ziel- und Auf- gabendefinitionen Mobiler Jugendarbeit durch Poli- tik, Wirtschaft und Verwaltung sei es, auf mehreren Ebenen anzusetzen: „Sie umfassen die konkrete, unmittelbare Hilfe ebenso wie die Unterstützung von Subjektwerdung und Identi- tätsbildung sowie die im gesellschaftlichen Kontext zu verortende Verbesserung des sozialen Klimas.“ (Mül- ler /Willms 2005, 157) Während bei Eventszenen für die Pädagog(inn)en die Problematik besteht, mit zumeist unbekannten Menschen aus einer Region konfrontiert zu sein, gehen andere Konzepte der Frage nach, wie die Neuen Medien genutzt werden könnten, um zu jungen Menschen enger und kontinuierlicher Kon- takt zu halten und die räumlich-zeitlichen Barrie- ren partiell zu überwinden: virtuelle Jugendarbeit, virtuelle Streetwork oder Internet-Streetwork. Mo- bile Jugendarbeit greift dabei das Phänomen auf, dass Jugendliche Gemeinschaftsportale und On- line-Kontaktnetzwerke (Social Networks) nutzen, um untereinander zu kommunizieren, sich sozial zu vernetzen sowie Fotos, kurze Videoclips und anderes Datenmaterial auszutauschen. Die Nut- zung sozialer Netzwerke wie Facebook oder My- Space gehört bei vielen Jugendlichen zum Alltag (Ahrens 2009). Einige Einrichtungen Mobiler Ju- gendarbeit greifen diese Tatsache in ihrer Arbeit auf, indem sogenannte virtuelle Streetworker ins Netz gehen. Sie tun dies nicht nur in aufkläreri- scher Weise, um Jugendliche zu sensibilisieren für das Veröffentlichen privater Informationen im World Wide Web und sie vor den Gefahren allzu freizügiger Datenpreisgabe zu warnen, sondern auch, um darüber Kontakt zu halten zu jenen Ju- gendlichen, mit denen im Rahmen Mobiler Ju- gendarbeit bereits schon Kontakte und Beziehun- gen geknüpft wurden. Diese können auf virtuellem Wege vertieft und in schwierigen Lebenssituatio- nen vonseiten der Jugendlichen aktualisiert wer- den. Realisiert wird dies, indem zu den gängigsten Online-Kontaktnetzwerken und -Portalen Nutzer- profile angelegt werden, über welche Jugendliche die Möglichkeit haben, sich auszutauschen und die Mitarbeiter(innen) nach Bedarf online zu kontak- tieren. Auch wenn der Begriff „Internet-Street- work“ dem Gegenstand nicht ganz angemessen er- scheint, zeigen sich mit dieser medialen Beratungsvariante Chancen, Kontakte zu jenen Jugendlichen zu vertiefen, die weniger den öffent- lichen Raum als vielmehr den eigenen PC als virtu- ellen Kontaktraum nutzen. Einzelfallhilfe und Vernetzung In der einzelfallbezogenen Arbeit begreifen sich Mobile Jugendarbeiter(innen) zunächst für alle Themen und Probleme zuständig, die von Jugend- lichen an sie herangetragen werden und bearbeiten diese im Kontext eines alltagsorientierten Bera- tungsverständnisses (Thiersch 1977). Dies ist eine Konsequenz aus der Erfahrung, dass sich Jugend- liche nur dann anvertrauen, wenn Vertrauen vor- handen ist und wenn sich Gelegenheiten dazu

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