Handbuch 5. Auflage
Mobile Jugendarbeit 1053 bieten. Im Kontakt mit jungen Menschen werden Mobile Jugendarbeiter(innen) mit einer Vielzahl von Themen konfrontiert: Familie, Schule, Aus- bildung, Clique, Arbeit und Arbeitslosigkeit, lega- ler und illegaler Drogenkonsum, Schuldenregulie- rung, Sexualität und AIDS-Bedrohung. Hinzu kommt der für delinquent handelnde, kranke oder drogenabhängige Jugendliche besonders bedeut- same Bereich des Umgangs mit Behörden, Ärzten, Kliniken, Kostenträgern, Polizei und Justiz, Ge- fängnissen und Opfern. Welche der Themen be- arbeitet werden, ob dies die Mobile Jugendarbei- ter(in) alleine macht oder andere Fachkräfte hinzugezogen werden, wird im Einzelfall im wei- teren Beratungsprozess und nach Maßgabe der Wünsche der Jugendlichen geklärt. Erforderlich ist dazu ein gut ausgebautes Kooperationsnetzwerk, das die unterschiedlichen Institutionen und Hel- fergruppen umspannt. Die persönliche Beratung schließt sowohl Krisenintervention als auch länger- fristige Beratungsprozesse ein, wobei Konzepte systemischer Beratung und lösungsorientierter Ar- beitsansätze zunehmend an Bedeutung gewinnen (Küchler 2007). Sind für die einzelnen Jugend- lichen einflussreiche andere Jugendliche, Freunde oder eine Clique vorhanden, werden diese als wichtige Netzwerkpartner in den Hilfeprozess in- tegriert. Denn cliquenbezogene Kontakte sind für Jugendliche wichtig, auch bezogen auf die Bewälti- gung ihrer Lebenssituation. Jugendliche erfahren Hilfestellung, beraten sich gegenseitig und über- nehmen untereinander eine Art Wegweiserfunk- tion (Kaestner 2003). Mobile Jugendarbeit als gruppenbezogene Intervention und peergruppenbezogenes Selbsthilfekonzept Angesichts wachsender Individualisierung und des zunehmenden Orientierungsverlusts Jugendlicher wird Cliquen die Funktion einer häufig „über- lebens-wichtigen, zentralen Sozialisationsinstanz“ (Ferchhoff 1990, 72) zugeschrieben. War Cliquen- zugehörigkeit noch bis in die 1970er Jahre Vor- bereitungsphase für Erwachsenenrollen und hatte die Funktion zwischen „traditionellen und moder- nen Wertesystemen zu vermitteln“ (27), so sind Cliquen heute Orte jugendlicher Selbstorganisa- tion, Selbstfindung und Lebensbewältigung. „Heute geht es um eine immer mehr auf sich gestellte (Über-) Lebensarbeit, um eine prinzipiell offene und ent- sprechend verunsicherte Orientierungssuche nachWegen und Möglichkeiten gelingender Lebensbewältigung.“ (Krafeld 1992, 37 f.) Das Ausleben jugendkulturellen Eigensinns in der Clique hat häufig territoriale Dimensionen. Jugend- liche und vor allem Jungen besetzen öffentliche Räume, nutzen sie um und begreifen sie als Bühne für cliquenbezogene Aneignungsprozesse (Becker et al. 1984; Böhnisch/Münchmeier 1990). Territorial- verhalten ermöglicht Cliquen Machtdemonstratio- nen und verschafft ihnen Anerkennung und Identi- tät. Dass dabei oft auch Gewalt im Spiel ist und Jugendliche sich menschenverachtend verhalten, macht es für Sozialpädagog(inn)en schwierig, zu ih- nen einen verstehenden Zugang zu finden. Dazu gehört auch, dass sich Jugendliche selbst neu erfah- ren können, an neue zu bewältigende Aufgaben he- rangeführt werden und in für sie neuen Settings und Kontexten handeln können. Dies wird realisiert im Rahmen von erlebnis-, sport- oder freizeitpädagogi- schen Angeboten ebenso wie durch systematische Gruppenarbeit in eigens dafür angemieteten Räu- men (Häberlein/Klenk 1997). Mobile Jugendarbeit als gemeinwesenbezogenes Handlungskonzept Da Integration und Ausgrenzung, Akzeptanz und Ablehnung, Problementstehung und Problemlö- sung immer im unmittelbaren Umfeld von jungen Menschen stattfinden, legt Mobile Jugendarbeit einen Schwerpunkt auf die Gemeinwesenbezogen- heit der Arbeit. Konflikte zwischen jungen Men- schen und Erwachsenen, zwischen Cliquen und Einzelhändlern sollen im Stadtteil thematisiert und dort soll gemeinsam nach Lösungen gesucht wer- den. „Mobile Jugendarbeit betont die Wahrnehmung von Be- wohnerinteressen und die Veränderung von sozial-öko- logischen Lebensbedingungen. Hierbei spielt das Moment der gemeinde- bzw. stadtteilöffentlichen Behelligung, Mobilisierung und Beteiligung der Bewohner an Pro- blemlösungsstrategien eine zentrale Rolle.“ (Specht 1987, 25)
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