Handbuch 5. Auflage

1054 Keppeler · Specht  Mit der Präsenz im Gemeinwesen durch ein Büro als Anlaufstelle im Stadtteil und Cliquenräumen wird die Voraussetzung dafür geschaffen, mit Bür- gern in Kontakt zu kommen. Über die Arbeit mit Jugendlichen und Familien hinaus sind alle Bewoh- nergruppen im Stadtteil oder in der Gemeinde Adressat zielgerichteter Aktionen, die dazu beitragen können, das soziale Klima im Gemeinwesen zu ver- bessern oder zu Formen produktiver Bewältigung sozialer oder politischer Konflikte zu gelangen. Dazu gehört auch, dass auf der örtlichen Ebene bestehende Angebote im Sinne eines institutionellen Netzwerks zusammengeführt und dafür notwendige Gremien- strukturen geschaffen werden, wie z.B. Stadtteilar- beitskreise. Und: dass für die unterschiedlichen Gruppen im Wohnquartier nach geeigneten Betei- lungsformen gesucht wird und insbesondere benach- teiligte Jugendliche durch Beteiligung auch Mög- lichkeiten der Teilhabe und Teilnahme eröffnet wird (Gillich et al. 2009, 42f.). Mobile Jugendarbeit an der Schnittstelle zu anderen Handlungsfeldern und Systemen Während Mobile Jugendarbeit mit der für sie typi- schen Integration von aufsuchenden, einzelfall- und gruppenbezogenen Handlungselementen und ihrer Gemeinwesenverankerung in den 1980er und 1990er Jahren ein eigenständiges und unverwech- selbares Profil besaß, zeigen sich seit der Jahrtau- sendwende, vor dem Hintergrund der mit dem Begriff der Sozialraumorientierung verbundenen Entwicklungen in den Jugendämtern, den ambu- lanten Erziehungshilfen und auch in der Offenen Jugendarbeit, Veränderungstendenzen. Eine sozial- räumliche Ausrichtung der Jugendarbeit bedeutet beispielsweise, dass die Fixierung auf Räume wie Jugendtreffs und Jugendhäuser teilweise aufgege- ben wird und relevante Aufenthaltsorte junger Menschen auch außerhalb der Einrichtungen an Bedeutung gewinnen. Damit kommen auch öf- fentliche Räume als Aneignungsmedium von Kin- dern und Jugendlichen für die Offene Jugendarbeit in den Blick (Deinet /Krisch 2002; Deinet 2005). Die Hilfen zur Erziehung (Wolff 1999; Pe- ters /Koch 2004) und die Allgemeinen Sozialen Dienste der Jugendämter (Früchtel et al. 2001; Hinte /Treeß 2006) nahmen die Idee einer sozial- räumlichen Ausrichtung in ihrer Arbeit auf, struk- turierten teilweise sehr grundsätzlich ihre Organi- sationen um, richteten sie an sozialräumlichen Gliederungsstrukturen aus, verfolgten Konzepte der Ressourcenorientierung und setzten stärker auf eine engere Koproduktion der Hilfen mit freien Trägern. Die Bildung von Sozialraumteams, von Sozialraumbudgets, die stärkere räumliche Präsenz der Dienste in den Sozialräumen und die so- genannte „fallunspezifische“ Arbeit führten dazu, dass sowohl Soziale Dienste als auch Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung lokal als Kooperations- partner stärker in den Blick kamen. Mit dem Be- mühen anderer, sozialräumliche Dimensionen in der Arbeit stärker zu berücksichtigen, verliert Mo- bile Jugendarbeit in gewisser Weise ihr Alleinstel- lungsmerkmal. Damit ergibt sich jedoch auch die Chance zur fallbezogenen Vernetzung und zur strukturbezogenen Aktivierung von Ressourcen, Diensten und Einrichtungen, die bisher gemein- wesenbezogenen Prozessen eher reserviert gegen- überstanden. Im städtischen Raum werden sozial- raumbezogene Arbeitskreise installiert bzw. weiterentwickelt, die nicht nur zielgruppenspezi- fische Fragen bearbeiten, sondern stadtteilstruktu- relle Themen aufgreifen. In Flächenlandkreisen ist die Umsetzung schwieriger, da die geografischen Sozialraumausschnitte unvergleichlich größer sind und die Sozialarbeiterdichte weit geringer ist. Dies führt hier aber häufig dazu, dass neue Kooperati- onspartner in den Blick kommen, die bisher in der Arbeit noch nicht miteinbezogen wurden – ins- besondere auch Vereine, Kirchen und zivilgesell- schaftliche Kräfte. Der Einbezug von Bildungsträgern wie Schulen, Einrichtungen der Familienbildung und Kinder- betreuungseinrichtungen lassen das Netzwerk wachsen. Kritisch wird eingewandt, dass mit der Vernetzungsdynamik die Profile der einzelnen Einrichtungen zunehmend verschwimmen, fast jeder alles macht und sich für alles zuständig fühlt. Dies führte auch dazu, dass z. B. aufsuchende Ar- beit in einzelnen Sozialräumen sowohl von der Mobilen Jugendarbeit als auch von der Offenen Jugendarbeit, der Suchtberatung oder der aufsu- chenden Jugendberufshilfe erfolgt. In diesem Kontext werden enge Abstimmungen und Ab- sprachen hinsichtlich der Aufgabenschwerpunkte und der zielgruppenspezifischen Ausrichtung im- mer notwendiger.

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