Handbuch 5. Auflage
Moral und Soziale Arbeit 1061 die die in der Industrialisierung freigesetzte Jugend pazifizieren sollte. Wenn diese Tendenzen inzwi- schen auch sehr zurückgedrängt sind, so bleiben sie doch im Untergrund latent und können wieder ak- tiviert werden. Gegen das Prinzip gesellschaftlich garantierter so- zialer Hilfen im Zeichen sozialer Gerechtigkeit be- standen von Anfang an Zweifel und Einwände des Liberalismus, der das Prinzip der Freiheit als Selbst- zuständigkeit des Menschen für seine Verhältnisse gefährdet sah durch die Ansprüche sozialer Ge- rechtigkeit. Diese Position ist in sehr unterschiedli- chen Auslegungen artikuliert worden. Humboldt (1792) formulierte gegen den Feudalismus im Zug der Emanzipation des Bürgertums, dass der Staat den Menschen ihre Verantwortung nicht abneh- men dürfe. Malthus (1977) argumentierte bevöl- kerungspolitisch, indem er in einer unterstützen- den Sozialpolitik nur Anreize zur Vermehrung von Menschen sah, die sich in der Gesellschaft nicht selbst behaupten können. Im Namen der Würde des Menschen, der für sein eigenes Leben in Auf- brüchen und Risiken zuständig ist, geißelte Nietz- sche eine Gerechtigkeit, die Menschen in Schwä- chen und Notlagen unterstützt und so die, die mit dem Leben nicht zurande kommen, ermutigt, Res- sourcen der Starken und Mutigen für sich zu be- anspruchen: Der Sozialstaat erscheint als Repräsen- tation des Ressentiments. In unserem Jahrhundert argumentiert Gilder (1981), dass die Sozialpolitik erst jene sozialen Probleme schaffe, die sie zu behe- ben sich vorgenommen habe, und analysiert Schel- sky (1987), dass der Sozialstaat den betreuten, also unmündigen Menschen hervorbringe. Nicht die sozialen Probleme – so ließe sich pointieren – seien das Problem, sondern ein soziales Unterstützungs- system, in dem der Staat Verpflichtungen über- nehme, die überflüssig, ja gefährlich seien, weil er sich dadurch selbst schwäche. Parallel zu diesen prinzipiellen Einwänden bildet sich im 19. Jahrhundert eine andere grundsätzliche Position aus, die den Menschen primär biologisch bestimmt und durch Erbanlagen oder Rassenzu gehörigkeit determiniert sieht; gesellschaftlich agierende und soziale Hilfe gilt als ineffektiv, ja schädlich (Reyer 1991). Dies führte dann auch in der Sozialen Arbeit zu rassistischen Ansätzen, zur eugenisch orientierten Gesundheitspolitik, zur Entwicklung der Kategorie des lebensunwerten Lebens und zur Praxis der Vernichtung. Gegen diese Tendenzen und im Kampf der Welt- anschauungen und Moralen unter den begüns- tigenden Bedingungen des „goldenen Zeitalters des Kapitalismus“ (Hobsbawm 1998) hat sich das Prinzip der Sozialen Gerechtigkeit durchgesetzt und den Ausbau des demokratischen Sozialstaates und darin der Sozialen Arbeit bestimmt. Ihre spezifische Moral, die – so habe ich sie gerade beschrieben – dem Recht aller auf ein Leben in Würde und auf Erziehung und Bildung zu einem verantwortlichen Leben verpflichtet ist, muss näher konkretisiert werden. Sie ist geprägt durch einen eigenen Zugang zu Problemen und Problemlösun- gen. Sie ist zunächst parteilich für die Lebenserfah- rungen und -probleme ihrer AdressatInnen und schafft ihnen einen Raum und Zugänge zu ihren Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten. Sie akzep- tiert und respektiert – mit Nohl geredet – zunächst die Probleme, die Menschen in ihrer Lebenswelt und mit sich haben, und vertritt sie vor und gegen- über anderen Institutionen und öffentlichen und gesellschaftlichen Interessen und deren Problem- sicht und –lösungen. Vom Primat dieser Parteilich- keit aus ist sie zunächst den Möglichkeiten der AdressatInnen verpflichtet, die sie aus ihren Po- tenzialen heraus haben, ebenso aber den Erwartun- gen, die für gesellschaftliches Leben konstitutiv sind. Soziale Arbeit lässt sich auf die Gegebenhei- ten ein, um sie zu „transzendieren“ (Hamburger 2003), sie lässt sich ein und öffnet Optionen, sie vermittelt Perspektiven und Respekt mit Zu- mutungen und Notwendigkeiten. Sie agiert darin im Prinzip einer advokatorischen Ethik (Brumlik 2004; Frommann 2008), also in einem gleichsam vorweggenommenen Interesse der AdressatInnen in den Aufgaben, in denen diese ihre Interessen selber (noch) nicht wahrnehmen können. Dieses Prinzip ist prekär, es verlangt immer neue und heikle Balancen, die doch oft widersprüchlich blei- ben. Die Moral der Sozialen Arbeit wird realisiert in orga- nisationell-professionellen Konstellationen. Darin nutzt sie die Möglichkeiten eines strukturierten und distanzierten Agierens, um wissenschafts- und er- fahrungsgestützt Hilfe und Unterstützung zu bieten und die Befangenheiten, Zufälligkeiten und den all- tagscharakteristischen moralisierenden Umgang an- zugehen: Jenseits der Hilfe in alltäglicher und grup- penspezifischer Solidarität und jenseits des Musters von Hilfe und Dankbarkeit sucht sie den Eigen
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