Handbuch 5. Auflage
1062 H. Thiersch sinnigkeiten der Bewältigungsmuster ihrer Adressa- tInnen und ihrer Lern- und Entwicklungsmöglich- keiten in neuen Räumen, freieren Erfahrungen und tragfähigen Beziehungen gerecht zu werden. Dieser Wechsel zum Hilfemuster der Fachlichkeit kann in der Weiterentwicklung des Bildes vom Barmherzi- gen Samariter (Müller 1988; Rauschenbach 1986; 1994) pointiert werden: Für den, der unter die Räu- ber gefallen ist, fühlt sich zwar zunächst der barm- herzige Samariter in der unmittelbaren Betroffenheit der Situation zuständig, dann aber ist es der Wirt, an den der Samariter die Hilfe delegiert, und der sich, in seinem Beruf ausgewiesen, gegen Geld des Hilf- losen annimmt. Diesen Ansatz praktiziert Soziale Arbeit in der ge- genwärtigen Szene sozialer Unterstützungen. Darin aber steht ihre Moral des institutionell-professio- nellen Angebots in Gefahr, die Moral der lebens- weltlichen Zuständigkeit für Hilfen und Unter- stützungen zu entwerten (Thiersch 1995; 2009). Man könnte pointiert fragen, ob es nicht verant- wortungslos ist, sich in Schwierigkeiten z. B. an die Familie oder Freunde zu wenden und ausgewiesene Angebote der Professionellen nicht in Anspruch zu nehmen. Anders formuliert: Führt die Existenz der institutionell professionellen Hilfen und der zu- ständigen Fachleute nicht zur Entsolidarisierung im Alltag? Das aber widerspricht der Aufgabenbestimmung der Sozialen Arbeit. Sie ist im Subsidiaritätsprinzip auf Hilfen in Situationen bezogen, in denen die Selbstzuständigkeit im Miteinander der Menschen nicht ausreicht. Ihr moralischer Auftrag ist es, so- ziale Gerechtigkeit über die alltäglichen Selbstzu- ständigkeiten hinaus zu befördern. Ihre Programme sind ausgelegt in Hinblick auf Kompensationen zum Alltag, also im Privaten und im Sozialraum. Zudem sind sie in weiten Bereichen, in der Jugend- arbeit, in Pflegeverhältnissen und in der Stadttei- larbeit als Verbundsystem organisiert und auf Ko- operationen mit Akteuren im Alltag angewiesen. Deren Potenziale gewinnen in jüngster Zeit an Gewicht, in Betroffenengruppen, in Selbsthilfein- itiativen und Projekten des bürgerschaftlichen En- gagements. Selbstbewusstsein und -anspruch von Bürgern in den eigenen Problemwahrnehmungen und –lösungen wachsen im Zug der Demokratisie- rung – und werden auch gestützt durch die Er- reichbarkeit und Diffundierung des Wissens in der Wissensgesellschaft. Professionelle Arbeit und Bürgerbewusstsein er- starken in der neueren Entwicklung gleichsam pa- rallel und stehen in ihrer Gegensätzlichkeit in Spannung zueinander. Vor diesem Hintergrund muss Soziale Arbeit ihren moralischen Auftrag der professionell-institutionellen Hilfen als Agent so- zialer Gerechtigkeit neu auslegen und ausdrücklich als gleichsam relationalen Auftrag ausweisen und ihn in neuen Formen eines offenen Miteinanders in der Bürgergesellschaft im gleichberechtigten Umgang in der Unterschiedlichkeit der Moralen praktizieren. Diese Grundstrukturen der Moral der Sozialen Ar- beit gelten – das ist die Prämisse dieser Darstel- lung – auch für die Gegenwart einer zweiten Mo- derne; sie müssen aber in den Gegensätzlichkeiten und Offenheiten unserer Zeit, wie ich sie eingangs markiert habe, neu ausgelegt, pointiert und weiter entwickelt werden, denn sie gelten nicht mehr un- hinterfragt und gleichsam selbstverständlich, sie müssen in unserer unübersichtlichen und wider- sprüchlichen Situation begründet werden. Sie gelten nur, insoweit sie in Argumenten – und in fundieren- den und begründeten Traditionen – ausgewiesen und legitimiert sind. Zygmunt Baumann (1995) hat die Situation auf den Begriff gebracht, wenn er kon- statiert, dass erst in unserer zweiten Moderne der Mensch in seine Freiheit gesetzt sei, erstmals in sei- ner Geschichte müsse er, ganz auf sich gestellt, ver- antworten, was gelten soll. Moral kann – dies ist die Konsequenz – nur ausgehandelt werden, und das kann nur in offenen Erwägungen geschehen. Ich habe dafür den Titel einer moralisch inspirierten Kasuistik vorgeschlagen (Thiersch 1995). Konkrete Konstellationen müssen im Horizont allgemeiner Orientierungen ausgehandelt werden, moralische Fragen können also weder nur aus Prinzipien abge- leitet noch in der Unmittelbarkeit situativer Offen- heit geklärt werden, sie sind verwiesen auf das Spiel von Orientierung und Konkretisierung, von Grund- mustern und situativer Gestaltung, auf ein Spiel, das nicht bruchlos aufgeht, sondern sich im Medium eines „Doing Ethics“ in gegenseitigen Spiegelungen, Brechungen und Provokationen entwickeln und nur in einem Prozess zu Verbindlichkeiten für die jewei- lige Aufgabe kommen kann. Solche moralisch in- spirierte Kasuistik konkretisiert sich im institutio- nell-professionellen Kontext in einer spezifischen, gleichsam dreifachen Brechung: Die allgemeine Orientierung muss sich ebenso auf die situativen
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