Handbuch 5. Auflage

1064 H. Thiersch  Wille zu neuen Verhältnissen. So notwendig und motivierend ein solcher Zugang ist, so ist die Frage nach einer positiven Darstellung von Gerechtigkeit als Kriterium, um Unrecht als Unrecht wahrzuneh- men, damit nicht erledigt. Diese positive Bestimmung von Gerechtigkeit aber muss differenziert werden. Das bisher verfolgte Verständnis von Gerechtigkeit im Horizont von Gleichheit wird als unbefriedigend kritisiert (Mil- ler 2008). Gerechtigkeit müsse in unterschiedliche Gerechtigkeitskonzepte unterschieden werden. Eine Form von Gerechtigkeit bestehe auf der unbe- dingten Gleichheit aller vor dem Gesetz, eine an- dere Form verstehe Gerechtigkeit als Fürsorge, in der jedem in seiner spezifischen Bedürftigkeit das ihm individuell Angemessene zukomme und eine wieder andere Gerechtigkeit honoriere, realisiert vor allem im Arbeitsleben, Menschen nach ihren Leistungen. Der generelle Bezug auf Gleichheit – so die Maxime – müsse relativiert werden, damit Menschen in den unterschiedlichen Lebensberei- chen die ihnen jeweils zukommende Gerechtigkeit erfahren. Die Unterscheidung in unterschiedliche Domänen von Gerechtigkeit erscheint sinnvoll, für die Pädagogik ist die Differenzierung von Gerech- tigkeit als Gleichheit und Unterschiedlichkeit in der Gerechtigkeit schon immer diskutiert worden (Flitner 1987). Problematisch aber ist es, wenn in diesen Differenzierungen der Impetus des neuzeit- lichen Projekts sozialer Gerechtigkeit in seiner Ver- bindung von Gerechtigkeit und Gleichheit unter- schlagen wird, wie er sich als vorantreibende Kraft in den Emanzipationsbewegungen repräsentiert und sich in allen Domänen von Gerechtigkeit re- präsentiert. Gerechtigkeit als Fürsorge in Situatio- nen der Bedürftigkeit muss immer auch im Kon- text des Anspruchs auf Gleichheit in Ressourcen und Gestaltungsmöglichkeiten gesehen werden; die derzeitige Diskussion zu Erziehungs- und Bil- dungsaufgaben, zu den Lebensansprüchen von Behinderten oder zu den Skandalen und Defiziten in der Altenpflege haben hier ihren Grund. Erweiterungen im Konzept von Gerechtigkeit wer- den auch in anderen neueren Konzepten themati- siert. Sennett (2002) konstruiert eine Spannung von Gleichheit und Respekt; angesichts der zwi- schen Menschen gegebenen, unaufhebbaren Un- terschiedlichkeiten z. B. in der natürlichen Aus- stattung oder auch in Schicksalserfahrungen brauche es zweierlei: Respekt, der die Menschen in allen Unterschiedlichkeiten in ihrer Würde als Mensch anerkenne, und den Kampf um Gleich- heit. Diese Vermittlung der Gleichheitsansprüche mit dem Respekt vor der Anerkennung der Unter- schiedlichkeit der Menschen bestimmt in verall- gemeinerter Form auch den derzeitigen Diversity- Diskurs (Prengel 1995; Leiprecht 2010). Er öffnet den Blick für die Vielfältigkeit der gegebenen Un- terschiedlichkeiten in Ethnie, Geschlecht, Religion und Lebenslagen und insistiert darauf, dass der An- spruch auf Gleichheit in elementaren Rechten und Lebensansprüchen einher geht mit der Anerken- nung des gleichen Rechts aller auf ihre jeweilige Verschiedenheit. Die Fragen nach Gerechtigkeit zielen darauf, dass Soziale Arbeit Räume und Ressourcen schafft, da- mit sich Gleichheiten im Horizont von Emanzipa- tion, Capabilities, Respekt, Fürsorglichkeit und Anerkennung in den Unterschiedlichkeiten in der Lebensgestaltung entfalten können. Hier realisiert sich moralisch inspirierte Kasuistik als politisch moralischer Kampf, wie er – neben dem allgemei- nen gesellschafspolitischen Engagement – im Kon- zept der Einmischung formuliert ist, die die sozial- pädagogische Fachexpertise offensiv in Politik und Öffentlichkeit vertritt. Moralische Orientierungen im Umgang in der Sozialen Arbeit Moralische Orientierungen werden in der Arbeit mit AdressatInnen im Prozess des kasuistisch struk- turierten Handelns als Zielorientierung für die Hilfen konkretisiert. Moralisches Handeln bedeu- tet, dass der Mensch für sich selbst zuständig ist, dass er sich verantwortlich erfährt für das, was er tut oder lässt. Diese Zuständigkeit aber ist – so hat sich ergeben – eingebettet in Strukturen, durch die sie bestimmt ist. In dieser Spannung von Zustän- digkeit und Bedingtheit muss die moralische Ori- entierung im Handeln bestimmt werden. Die Ver- antwortlichkeit kann überbetont, ja verabsolutiert werden, so wie ich es oben für den Kontext des Liberalismus und Neoliberalismus beschrieben und als zynisch charakterisiert, aber allgemeiner auch für die Alltagserfahrungen beschrieben habe. Im Alltag wollen Menschen sich als der Situation gewachsen beweisen. Arbeitslos Gewordene suchen nicht selten die Schuld bei sich, ebenso wie etwa

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