Handbuch 5. Auflage
1066 H. Thiersch sich in allen seinen Fähigkeiten des Fühlens, Wahr- nehmens, Denkens und Gestaltens ausbildet und so seine Identität findet, oder, wie es bei Humboldt empathisch hieß, zum Kunstwerk seiner selbst wird. Mit diesen Ansätzen verbindet sich schließ- lich die im antiken Konzept des Guten Lebens fundierte Diskussion zur Strebensethik (Volz 2003; Kerstin / Langbehn 2007)) und die Frage nach Glück und – ausgreifender und fundierter – nach Sinn, danach also, wofür und worauf hin es sich zu leben lohnt. Die Frage verführt zu leeren All- gemeinheiten, muss also im Sinn einer moralisch inspirierten Kasuistik auf konkrete Erfahrungen und Aufgaben hin bestimmt werden. Das damit gestellte Problem der Lebenskunst, wie es bei Alice Salomon (1926) vorgegeben war und neuerdings von der Philosophie des späten Foucault aus breit erörtert wird (Foucault 2007; Schmid 1998; Kers- tin / Langbehn 2007), wird sicher in der Diskussion der nächsten Zeit an Bedeutung gewinnen. Professionalität Die Frage nach der Moral der Sozialen Arbeit zielt auf die Moral des sozialpädagogischen Handelns im Umgang zwischen SozialpädagogInnen und Adres- satInnen, ebenso aber auch auf die Moral in sozial- pädagogischen Institutionen. Soziapädagogisches Handeln ist professionelles Handeln. Dies gilt es zu- nächst zu betonen, weil es immer noch auch in der caritativen Tradition gesehen wird, nach der die Pro- fessionellen auch um Gottes und um ihrer selbst willen handeln, wenn sie anderen helfen. „Mein Lohn ist, dass ich darf“, hieß es früher. Ansprüche an übliche Entlohnung und Arbeitsbedingungen wurden und werden von da aus unterlaufen. Professionelles Handeln bedeutet Handeln in der Distanz des Berufs, wissenschaftlich fundiert, in Programmen und methodisch ausgewiesen struk- turiert, zur Transparenz verpflichtet, ausweisbar und einklagbar. Die Frage nach der Moral solcher Professionalität zielt zunächst auf die Verpflich- tung zu diesen Handlungsstandards als Vorausset- zung für den freieren Blick, der dem anderen in seinen Verhältnissen und Möglichkeiten gerecht werden kann. Professionelles sozialpädagogisches Handeln reali- siert das Muster des pädagogischen und helfenden Handelns. Dieses Muster ist strukturell asym- metrisch; der, der hat, gibt dem, der nicht hat; der, dem Erfahrungen und Kompetenzen fehlen, ist angewiesen darauf, dass sie ihm vermittelt werden. Diese Asymmetrie ist im wechselseitigen Verwie- sensein von Menschen aufeinander ebenso wie in der Generationalität des menschlichen Lebens be- gründet; sie wird in historischen und sozialen Kon- stellationen unterschiedlich realisiert. Die hier lie- genden Aufgaben und Probleme werden neuerdings auch im weiteren Diskurs zum Paternalismus erör- tert (Stettner 2007) und vor allem im Kontext der im Genderdiskurs geprägten Fragen nach Care, Sorge, Besorgen und Hilfe (Brückner 2003). In unserer Gegenwart wird Hilfe im Muster von Solidarität praktiziert, Hilfsbedürftige werden nicht primär in ihren Defiziten gesehen, sondern in ihren Rechten, Ressourcen, Kompetenzen und in ihren Anstrengungen und Leistungen der Le- bensbewältigung. Kinder und Heranwachsende werden als Subjekte ihrer eigenständigen Entwick- lung und ihrer Selbstbildung verstanden. Diese Entwicklungen bestimmen die der Tradition ge- genüber neuen Formen des helfenden und pädago- gischen Umgangs, sie sind noch längst nicht durch- gehend realisiert. Der Macht der Tradition gegenüber sind Minimierung und Einebnung der Asymmetrie notwendig. Daneben aber gilt, dass darin die prinzipielle Struktur von Hilfe und Erzie- hung und ihre Aufgabe des Transzendierens nicht aufgehoben ist. Es braucht neu ausgelegte Unter- scheidungen. Pädagogisches Handeln wird im Medium von Verhandlung praktiziert. Die An- erkennung der anderen in der Zuständigkeit für sich selbst aber ist verbunden mit den Herausfor- derungen, die aus Lebenskonstellationen und päd- agogischen Aufgaben stammen. In diesen Ver mittlungen von Eingehen, Respektieren und Veränderung, Lernen und Umlernen agiert Soziale Arbeit in der Aufnahme und Reinterpretation der alten pädagogischen Formel von Gegenwirken, Unterstützen und vor allem und primär Fördern (Flitner 1982). In dieser Vermittlung ist die Soziale Arbeit ebenso auf die konkreten jeweiligen Kon- stellationen bezogen wie prinzipiell ausweis- und begründungsbedürftig, so wie es die Figur der stell- vertretenden Verantwortung verlangt. Sozialpädagogisches Handeln folgt einem spezi- fischen Muster von Professionalität, in dem – so in der Übernahme der von Oevermann für therapeu- tisches Handeln entwickelten Grundfigur – spezi-
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