Handbuch 5. Auflage
Moral und Soziale Arbeit 1067 fisch professionell strukturierte Deutungsmuster mit offenen, in der Person und Situation liegenden Handlungsmustern verbunden sind (Köngeter 2010). Als Frage nach dem Verhältnis von Profes- sionalität und Authentizität, von Distanz und Nähe wird diese Konstellation in der Sozialpädago- gik verhandelt, sie wird vor allem in ihren vielfälti- gen und unterschiedlichen Aufgaben und Arbeits- vollzügen – der Beratung, der Ressourcenarbeit, der Planung, des Miteinanderlebens, des Unter- stützens und der Erziehung und Bildung –, in ih- ren Facetten rekonstruiert. – Darin hat sich das Verhältnis von Professionalität und Authentizität in unserer Zeit in charakteristischer Weise verscho- ben; Authentizität gewinnt an Gewicht. Die Un- übersichtlichkeit und Offenheit nämlich der gesell- schaftlichen Verhältnisse entwerten allgemeine Regeln und Vorgaben und verlangen eine beson- dere Beglaubigung durch die Person. Das spezifische sozialpädagogische Handlungs- muster kann nur im Medium von Reflexion prak- tiziert werden. Reflexives Handeln als Kritik und Selbstkritik ist eine elementare Konkretisierung von Professionalität. Der Pädagoge muss sich der in seiner Aufgabe und seiner Person liegenden Risi- ken zur Bemächtigung des anderen, zur Beschä- mung, zur „fürsorglichen Belagerung“ bewusst sein. Bernfeld (1967) formuliert für den Umgang des Pädagogen mit dem Kind, dass ihm immer drei Kinder begegnen: das, das ihm gegenüber steht, das, das er früher selbst war, und das, das er selbst hätte werden mögen; darin werden beispielhaft die Dimensionen von Projektionen und Okkupatio- nen deutlich, die der Pädagoge in sich kritisch auf- heben muss, um dem Eigensinn des anderen ge- recht werden zu können. Sozialpädagogisches Handeln braucht die Institutionalisierung solcher Kritik und Selbstkritik und dazu die Sicherung durch kollegiale Beratung, Supervision und Eva- luation, vor allem aber auch durch Fort- und Wei- terbildung. Es braucht zudem eine Kultur der Fehlersensibilität, Fehlerkontrolle und des Lernens aus Fehlern. Solche Selbst- und Fremdkontrollen müssen einhergehen mit der Institutionalisierung von Mitbestimmungs- und Gestaltungsrechten der AdressatInnen, gestützt durch Beschwerderechte. Schließlich: So unverzichtbar solche Instrumente der Sicherung der Professionalität des Handelns sind, sie können und dürfen nicht darüber hinweg- täuschen, dass professionelles Handeln – wie alles Handeln und Handeln in der heutigen gesell- schaftlichen Situation zumal – in der Offenheit von Verantwortung steht, also im Willen zum rechten Handeln und im Risiko des Gelingens und Scheiterns und von Schuld. Sozialpädagogische Moral realisiert sich in Institu- tionen. Analog zu den gerade skizzierten Problemen im Kontext der Professionalisierung geht es auch hier zunächst um die mit dem Faktum der Institu- tionalisierung gegebene Moral der Verlässlichkeit von Regeln, Zugängen und Vollzügen, damit Adres- satInnen und MitarbeiterInnen in einem erkenn- baren und gesicherten Rahmen von Möglichkeiten, aber auch von Grenzen agieren können. Sozialpäd agogische Institutionen aber unterliegen, wie pro- fessionelles Handeln und alle Institutionen, der aller Fachlichkeit und allen Organisationen immanenten Tendenz, als ein eigenes, in sich geschlossenes Sys- tem selbstreferentiell zu agieren. Diese Tendenz in- tensiviert sich in der derzeitigen, allgemeinen gesell- schaftlichen Entwicklung zur zunehmenden Verfachlichung unseres Lebens; sie konkretisiert sich für die Soziale Arbeit in den Programmen zur orga- nisationellen, oft betriebswirtschaftlich bestimmten Neuorganisation, zu Qualitätsmanagement und Ef- fektivitätsmessung, die zunehmend Raum beanspru- chen. So unhintergehbar Transparenz und Instru- mente zu ihrer Realisierung in einer modernen Institutionskultur sind, so braucht es doch gegen die zunehmend nur technologisch begründeten Kon- zepte den insistierenden Bezug auf Theorie und Moral der Sozialen Arbeit. In der neueren Diskus- sion (Klatetzki 1998; Grunwald/Steinbacher 2007; Grunwald 2009) geht es darum, organisationelle Möglichkeiten zu entwerfen, damit die Soziale Ar- beit nicht nur Raum für Aushandlungsprozesse zwischen neuen gesellschaftlichen Anforderungen, AdressatInnen und SozialarbeiterInnen findet, son- dern auch intern Arrangements schafft, um Zustän- digkeit und Verantwortung der SozialarbeiterInnen für ihre Arbeit zu stützen und zu fördern. Solche neueren Modelle müssen vor allem auch bezogen werden auf das weite und immer wieder unüber- sichtliche Feld der unterschiedlichen Institutionen der Sozialen Arbeit, die in ihrer Spezialisierung so oft neben- und gegeneinander agieren und immer wieder als System einer organisierten Verantwor- tungslosigkeit erfahren werden. Es braucht den Willen zur Kooperation und damit zur Relationie- rung der eigenen Arbeit (Köngeter 2010).
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