Handbuch 5. Auflage
Moralerziehung 1071 Moralskeptische Autoren wie Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud schließlich betrachten mora- lische Verhaltensweisen und Einstellungen unter nicht-moralischen, funktionalen Gesichtspunkten. Moral wird entweder als ein von Ressentiments ge- speistes, vitale Impulse einschränkendes Verhal- tensmuster (Nietzsche 1988) oder als psychische Instanz um des sozialen Zusammenlebens willen notwendiger Triebeinschränkung betrachtet (Freud 1976). In dieser Perspektive erweist sich moralische Erziehung vor allem als Einübung in den Verzicht. Emile Durkheim entwickelt endlich eine soziologi- sche Theorie der Moralerziehung, nach der Mora- lität ein den individuellen Charakter bildendes System von Verhaltensregeln darstellt, das auf ei- nem nicht auf selbstsüchtige Interessen reduzier- baren Wunsch nach Gemeinschaftlichkeit und Re- gelhaftigkeit beruht (Durkheim 1984). Mit den Überlegungen von Freud und Nietzsche sowie Durkheim sind die sozialwissenschaftlich zu entfal- tenden Ausgangspositionen für jede Theorie mora- lischer Erziehung festgelegt: Sollte sie auf För- derung vorgegebener prosozialer Neigungen oder eher auf die Unterdrückung und kulturelle Über- formung selbstsüchtiger Interessen setzen? Theorien der Moral Schon Immanuel Kant unterscheidet bei der Be- handlung der Moral zwischen einer „Metaphysik der Sitten“ und einer „Anthropologie der Moral“ (Kant 1956, 321) und zielt damit auf die Notwen- digkeit und Legitimität zweier einander ergänzender Perspektiven. Moral lässt sich einmal intern, d. h. danach, welches die kriterialen Voraussetzungen zur Auszeichnung moralischer Handlungen sein sollen, sowie extern, d.h. danach, welches die sozialen Funktionen und Folgen moralischen Argumentie- rens und moralisch begründeten Handelns sind, beurteilen. Die Erläuterung des „moralischen Stand- punkts“ (Baier 1974) ist von der Erklärung als mo- ralisch geltender Verhaltensweisen zu unterscheiden. Für eine Theorie der moralischen Erziehung ist so- wohl die normative Frage, woraufhin wie zu bilden sei, als auch die Frage nach den faktischen individu- ellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen gelin- gender Erziehungsprozesse zu klären. Bei der Klärung des „moralischen Standpunktes“ unterscheidet die systematische Debatte zwischen deontologischen und teleologischen, zwischen Pflicht- und Güterethiken. Während deontologi- sche Theorien moralisches Handeln in dem be- gründen wollen, was auf jeden Fall zu tun oder wie für jeden Menschen unbedingt und unter al- len Umständen zu handeln ist – eine Tradition, die im Wesentlichen auf Kant zurückgeht –, fra- gen teleologische Güterethiken nach dem Gut, um dessentwillen Menschen handeln sollen. Eine entsprechende Moral wird darauf zielen, dass möglichst vielen Menschen möglichst viele An- teile an diesen Gütern zukommen. Moralische Handlungen sind dann jene, die der Erreichung dieses Ziels zuträglich oder nützlich sind. Diese oft als Utilitarismus bezeichnete Position geht auf die englischen Philosophen J. Bentham und J. S. Mill zurück. Moral im engeren Sinne erweist sich damit als ein System von auf Gerechtigkeitsprinzi- pien beruhenden pflichtgemäßen Handlungsnor- men. Deontologische Theorien unterscheiden sich von teleologischen Theorien dadurch, dass sie den verpflichtenden Charakter dieser Handlungs- empfehlungen nicht aus der Bedeutsamkeit per- sönlicher oder sozialer Güter, sondern aus als un- bedingt angenommenen, weil in allen Formen moralischen Argumentierens je schon vorausge- setzten Konsistenzbedingungen begründen. Kant versteht unter dem „kategorischen Imperativ“ eine Empfehlung, nur solche Handlungen zuzulassen, deren Ziele widerspruchsfrei verallgemeinerbar sind (Kant 1970b). Schließlich wird seit einigen Jahren eine dritte Va- riante interner Moraltheorien erörtert, die nicht auf Gerechtigkeits-, sondern auf Persönlichkeits- prinzipien und nicht auf Handlungs-, sondern auf Charakternormen, auf Haltungen setzten. Im Rückbezug auf die antiken, vor allem die aristote- lischen Ethiken sehen Theorien der Tugenden Moral darin, einen durch exzellente Eigenschaften ausgestatteten Charakter auszubilden und ggf. ent- sprechend handeln zu lassen (O’Neill 1996). Alle Varianten „interner“ Moraltheorien müs- sen – vor allem unter dem Gesichtspunkt mora- lischer Erziehung – empirisch erfassbare Korrelate, die die faktische Möglichkeit moralischen Han- delns darlegen, aufweisen können. Neuere Moral- theorien versuchen daher, die noch von Kant ver- merkteKluft zwischen „metaphysischen“Prinzipien und „anthropologischen“ Voraussetzungen zu schließen.
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