Handbuch 5. Auflage
1072 Brumlik Während sich utilitaristische Moralen auf die natu- ralistischen Theorien einer evolutionären Ethik (Neumann et al. 1999) beziehen können, begrün- den neuere deontologische Theorien ihren An- spruch durch Verweis auf sprachlich-kommunika- tive Verfasstheit menschlicher Existenz (Habermas 1983). Moralen wechselseitiger Achtung schließ- lich (Tugendhat 1993) stellen die menschliche Fä- higkeit zu reaktiven moralischen Gefühlen und zur wohlwollenden wechselseitigen Akzeptanz („An- erkennung“) von Menschen in den Mittelpunkt. Dabei verweist die evolutionäre Ethik auf den Um- stand, dass moralische Verhaltensweisen, so sie sich denn in menschlichen Gesellschaften stabilisiert haben, eine die Individuen und ihre Nachkommen bevorteilende Funktion gehabt haben müssen. Moral erscheint so als prosoziale, meist die Indivi- duen und ihre mehr oder minder fern stehenden Verwandten bevorteilende Verhaltensbereitschaft. Demgegenüber verweist die Transzendentalprag- matik auf den Umstand, dass menschliches Han- deln sich in sprachlichen Formen vollzieht und dass jede sprachliche Verständigung über Sprech- akte wie Behaupten und Fragen bereits minimale Pflichten der sozialen Interaktion beinhaltet. Eine Moral wechselseitiger Achtung kann demgegen- über darauf verweisen, dass in faktisch vorfindli- chen Affekten wie Empörung, Mitleid, Groll, Schuld und Scham bewertende Stellungnahmen zu Zuständen oder Handlungen zum Ausdruck kom- men. Für eine Theorie moralischer Erziehung er- wächst daraus die sozialisationstheoretische Frage, unter welchen Umständen und in welchem Aus- maß sich Interessen, moralisches Wissen und mo- ralische Gefühle ausbilden und schließlich motiva- tionale Funktion übernehmen können. Da aber sowohl die Regeln sprachlicher Interaktion als auch basale Affekte von Achtung, Scham und Schuld gleichermaßen moralanaloge Vorformen und – bei den Primaten – Parallelbildungen aufweisen und mithin als Ergebnisse evolutionärer Entwicklung angesehen werden können, lässt sich kein zwingen- der Gegensatz zwischen einer systematischen Mo- ralphilosophie von innen und einer funktionalen Moraltheorie von „außen“ behaupten (Hauser 2006; de Waal 2008). Neue Befunde der Hirnfor- schung, zumal zu den Spiegelneuronen, belegen zudem, dass Mitleid und Empathie tatsächlich or- ganismisch-evolutionär angelegt sind und damit die sozialdarwinistische Variante der Evolutions- psychologie als widerlegt gelten darf (Rizzolatti / Si- nigaglia 2008). Aus einer dem Naturalismus systematisch ent- gegengesetzten Perspektive hat sich aber auch ge- zeigt, dass eine an „durchschnittlichen“ mensch- lichen Individuen orientierte Theorie der Gerechtigkeit auf eine unbegründete und unreflek- tierte und also ungerechte, systematische Benach- teiligung all jener Menschen und auch nicht- menschlichen Wesen hinausläuft, die – obwohl der diskursiven Argumentationsfähigkeit und der ihr korrespondierenden Verhaltensweisen nicht fä- hig, – gleichwohl fähig sind, zu leiden (Feder Kit- tay / Feder 2002; Nussbaum 2006). Moralische Sozialisation Sozialisation bezeichnet jenen (lebenslangen) Pro- zess, in dem Angehörige der Gattung zu hand- lungsfähigen Mitgliedern menschlicher Gemein- schaften werden und in aktiver Interaktion mit ihrer Umwelt jene Dispositionen und Kompeten- zen erwerben, die es ihnen ermöglichen, den je- weiligen gesellschaftlichen Erwartungen und An- forderungen mehr oder minder zu entsprechen. Im Unterschied zu „Erziehung“ und „Bildung“ muss „Sozialisation“ weder ein von anderen ge- wollter, bewusst angestrebter Prozess noch eine selbstreflexive, vom Individuum selbst vollzogene Handlung sein. Sozialisation hängt weder von menschlichen Absichten noch ausschließlich von menschlichen Handlungen ab – auch sachliche Umwelten können sozialisieren. Theorien mora- lischer Sozialisation wollen erklären, wie und mit welchen Auswirkungen Individuen jene Kom- petenzen, jenes Wissen und jene Motivation er- werben, die sie dazu befähigen, die Regeln zu ver- stehen, zu beurteilen und gemäß ihrer zu handeln, die in gegebenen Gesellschaften das repräsentie- ren, was als „gut“ und „gerecht“ gilt. Dann um- schreibt das Prädikat „gerecht“ einen Verteilungs- modus, während sich das Prädikat „gut“ auf Präferenzen von materiellen und ideellen Gütern bezieht. Theorien moralischer Sozialisation finden sich grundsätzlich in drei theoretischen Paradigmata der Psychoanalyse, der Lerntheorien sowie des genetischen Strukturalismus. Hinzu kom- men – ohne bereits paradigmatische Reife erlangt
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