Handbuch 5. Auflage
Moralerziehung 1073 zu haben – pragmatistische und sozioaffektive Überlegungen. In der materialen Theoriebildung ist zudem mit Überschneidungen paradigmati- scher Art zu rechnen. Während die Psychoanalyse vor allem Prozesse der Gewissensbildung unter- sucht, interessieren sich die Lerntheorien für mo- ralkonformes Verhalten und der genetische Struk- turalismus für die Ausbildung moralischen Urteilsvermögens. Der Pragmatismus stellt die interaktiven Voraussetzungen moralgeleiteten Handelns ins Zentrum seiner Überlegungen, während der sozio-affektive Ansatz stärker als an- dere Ansätze auch phylogenetische Faktoren be- rücksichtigt. Psychoanalyse Die klassische Psychoanalyse nach Sigmund Freud sieht in der Moral eine Kulturleistung, die auf der Unterdrückung und Sublimierung jener natürlich vorgegebenen selbstsüchtigen Triebe beruht, die ein angstfreies, anthropologisch notwendiges, aber keineswegs immer akzeptiertes Zusammenle- ben der Menschen beeinträchtigen (Freud 1976). Diese Unterdrückung und Sublimierung erläutert Freud psychologisch als Prozess der Gewissens- entwicklung, die sich psychoanalytisch als Prozess der Herausbildung des „Über-Ichs“ erweist. Das „Über-Ich“ gilt als die zweite jener drei von der Psychoanalyse postulierten Instanzen, die die psy- chischen Funktionen regeln: Während die Instanz des „Es“ die durch ein Amalgam somatischer Im- pulse und kulturell vermittelter Wünsche ent- standenen „Triebe“ repräsentiert, obliegt dem Ich die Aufgabe, durch kognitive Realitätsprüfung dem jeweiligen Individuum eine optimale Ba- lance zwischen verspürten Trieben und „Über- Ich-Versagungen“ zu ermöglichen. Das Über-Ich als versagende Stimme des Gewissens erweist sich als Abkömmling eines unbewusst übernommenen Verbots (Freud 1972a). Freuds Theorie postuliert für die frühe, männliche Kindheit eine trianguläre Konstellation zwischen dem etwa drei- bis vier- jährigen Knaben, seiner Mutter und seinem Vater. Demnach wünscht der Knabe den sexuellen Kon- takt mit seiner Mutter sowie den Tod des Vaters und realisiert gleichzeitig mit seinem Begehren die Angst vor dem von ihm als Konkurrenten an- gesehenen Vater, der ihn, seiner kindlichen Mei- nung nach, zur Strafe kastrieren will. Aus Angst vor dieser antizipierten Strafe leistet der Knabe Triebverzicht, übernimmt dabei über den Mecha- nismus der Identifikation mit dem Aggressor ein unbewusstes, verallgemeinerbares Schema des Verbots sowie ein generalisiertes, nun von der Mutter gelöstes Begehren für das weibliche Ge- schlecht (Freud 1972b). Freuds Hypothese wie seine ganze Theorie wurde sowohl aus wissenschaftstheoretischen (Grünbaum 1988), methodologischen (Grawe et al. 1993), kul- turanthropologischen (Parsons 1969) und ge- schlechts-theoretischen (Bassin 1995) Perspektiven bestritten. Die Psychoanalyse hat diese Kritik ihrer- seits aufgenommen (Mertens 1995). Fragen der theoretischen Plausibilität, der empirischen Vali- dierung sowie der behaupteten Universalität in kultureller und geschlechts-theoretischer Sicht öff- nen freilich denWeg zu einer strukturtheoretischen Lesart, die konkretistische Missverständnisse hinter sich lässt. Demnach bilden sich wesentliche Ein- stellungen des Kindes über richtig und falsch, über erlaubt und verboten im Interaktionsfeld zweier hochaffektiv besetzter Bezugspersonen aus, die komplementäre Geschlechtsrollen einnehmen und zudem das generationelle Gefälle zwischen Kindern und Erwachsenen unterstreichen (Parsons / Bales 1955). Dass das Phänomen des Gewissens mit Ängsten ebenso verbunden ist wie mit bisweilen von den Individuen nicht durchschauten Wünschen nach Strafen und Bestraftwerden, nach Beschuldigungen und Schuldempfindungen sind Erfahrungen, die andere Theorien als die Psychoanalyse nicht zurei- chend erklären können (Schneider 1983). Neuere, durch empirische Forschungen gestützte Theorien des Narzissmus verweisen im Gegensatz zum klas- sischen Modell Freuds auf schon präverbal entste- hende moralische Gefühle, die als Vorläufer des moralischen Bewusstseins gewertet werden (Emde 1991a, 1991b). Demnach beruht die Fähigkeit zum moralischen Wissen auf der Fähigkeit zur Em- pathie, die ontogenetisch der ödipalen Krise vo- rausgeht. Dass dabei schon frühe Gefühle des Ver- pflichtetseins auf ein vor allem zwischen Mutter und Kind bestehendes Reziprozitätsschema ver- weisen, trägt der unaufhebbaren Intersubjektivität in der Frühsozialisation Rechnung (Benjamin 1988).
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