Handbuch 5. Auflage
1074 Brumlik Lerntheorie Die klassischen und weiterentwickelten Lerntheo- rien stellen die durch Belohnung oder Bestrafung motivierte Übernahme bzw. Nachahmung von Verhaltensweisen und Verhaltensmustern als be- deutsam erfahrener Personen ins Zentrum ihrer Überlegungen. Die Internalisierung (Aronfreed 1971) entsprechender Verhaltensmuster über Pro- zesse der Identifikation (Bandura 1971) soll zur Gewissensbildung führen. Dabei scheint die empi- rische Forschung für den Bereich prosozialen Ver- haltens innerhalb dieses Paradigmas die höhere Ef- fizienz von Belohnungen gegenüber Bestrafungen sowie von explizit verbalen Erläuterungen des Ver- haltens gegenüber spontan ablaufendem Verhalten erwiesen zu haben (Durkin 1995, 469). Der letzte Stand der Theorie will das Verhältnis von mora- lischem Argumentieren und moralischem Verhal- ten durch ein Modell selbstregulatorischer Mecha- nismen erklären. Im je empirisch zu klärenden Wechselspiel externer, sozialer und interner, selbst- reaktiver Kontrollen wird prosoziales Verhalten vor allem deshalb vollzogen, weil es eine positive Sank- tionierung des jeweiligen Selbst zur Folge hat. Da- bei spielen sowohl die Reaktionen anderer als ins- besondere die wahrgenommene Fähigkeit, selbst positiv sanktionierte Handlungen vollziehen zu können, die entscheidende Rolle (Bandura 1991, 68 f.). Die grundlegende Problematik lerntheoreti- scher Ansätze liegt in dem durch das behavioristi- sche Paradigma notwendigerweise vorgegebenen, weitgehenden Verzicht auf die Untersuchung mo- ralischen Wissens. An dessen Stelle tritt die Unter- suchung „prosozialen Verhaltens“, ohne dass damit bereits geklärt ist, ob moralisches Handeln und prosoziales Verhalten miteinander identisch sind. Solange moralisches Handeln als ein aus ausweis- baren Gründen vollzogenes Tun oder Unterlassen verstanden wird, reduziert eine Theorie „prosozia- len Verhaltens“ das Konstrukt der Moral. Anderer- seits behauptet die Lerntheorie, dass die Konzen- tration auf moralisches Wissen dem Phänomen moralischen Verhaltens nicht gerecht werden könne (69). Der genetische Strukturalismus Konstruktivistische Sozialisationstheorie Der genetische Strukturalismus beruht auf den theoretischen Einsichten des Biologen und Epis- temologen Jean Piaget, der Intelligenz und Er- kenntnisfähigkeit weder als angeborene Disposi- tion noch als Ergebnis passiven Erfahrungslernens verstand, sondern als Ergebnis eines aktiven, auf den biologischen Mechanismen von Akkomoda- tion und Assimilation beruhenden Austauschpro- zesses der Individuen mit ihrer sachlichen und per- sonalen Umwelt (Piaget 1947, 1983; Kesselring 1988), und ist damit einer konstruktivistischen Sozialisationsforschung verpflichtet (Grundmann 1999). Die während derartiger Sozialisationspro- zesse entstehenden kognitiven Schemata dienen der Bewältigung instrumenteller Aufgaben wie so- zialer Koordination und beinhalten damit Wis- sensbestände über Regelhaftigkeiten der sachli- chen und Regeln der sozialen Umwelt. In Auseinandersetzung mit und empirischer Über- prüfung von Emile Durkheims (Durkheim 1984) an der Institution der Schule orientierter Theorie der Bildung zur Autonomie durch Autorität pos- tulierte Piaget eine „Soziologie der Kindheit“, die sich vor allem für die von kindlichen Gleichalt- rigengruppen ohne Einwirkung Erwachsener ge- fundenen Regeln des Spiels interessierte. Piaget fand zwei Formen der Akzeptanz von Regeln, die er als heteronome und autonome Moral bezeich- net. Die Welt der kindlichen Moral kennt damit Regeln, die von Erwachsenen aufgenötigt werden und Regeln, die sich durch eine gleichberechtigte Kooperation ergeben. In Auseinandersetzung und Zuspitzung von Durkheims Theorie gesellschaft- licher Solidarität kommt Piaget zu dem Schluss, dass vollkommene moralische Autonomie der In- dividuen nur durch gleichberechtigte Koope- ration möglich sei (Piaget 1973, 400). Die von Piaget nicht weitergeführte Unter- suchung der Entwicklung moralischen Wissens wurde in der Folge von Lawrence Kohlberg auf- genommen und entfaltet (Kohlberg 1995; Garz 1996).
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