Handbuch 5. Auflage

Moralerziehung 1075 Die Entwicklung des moralischen Urteilsvermögens Kohlberg hat in seinem breitgefächerten Werk eine Entwicklungspsychologie des moralischen Urteils- vermögens begründet, die das moralische Urteilsver- mögen als eine sich in irreversiblen ganzheitlichen Stufen entfaltende kognitive Kompetenz darstellt, die einer rekonstruierbaren Entwicklungslogik folgt und durch gezielte Stimulation gefördert werden kann. Die Ausprägung des theoretisch begründeten Konstrukts der Urteilskompetenz lässt sich durch die Konfrontation der Probanden mit moralischen Dilemmata valide messen (Colby/Kohlberg 1987). Somit unterscheidet sich Kohlbergs Ansatz von an- deren Formen der Moralpsychologie dadurch, dass er das Hauptaugenmerk nicht auf die jeweiligen In- halte des moralischen Urteils, sondern auf dessen Begründungsmodi richtet. Zudem ist das Programm in Kenntnis des Umstandes vorangetrieben worden, dass moralisches Wissen und Urteilsvermögen kei- neswegs auf allen Stufen die gewichtigsten Faktoren moralischer Motivation sind. Kohlberg und seine Schule operieren typologisch mit drei übergreifenden Stufen des moralischen Urteilsvermögens bei der Klärung der Begriffe „gut“ oder „gerecht“, die sich alle an der jeweiligen Stellung der Urteilenden zu den normativen Üb- lichkeiten ihrer Umgebung bemessen. Demnach begründet eine Person ihre Präferenzen präkon- ventionell, wenn sie mit Hinweis auf Abwehr indi- vidueller Schäden bzw. Mehrung gemeinsamen Nutzens argumentiert; sie urteilt konventionell, wenn sie auf das verweist, was entweder in ihrem engeren Lebenszusammenhang oder nach Maß- gabe gesetzter Normen in ihrer sozialen Gemein- schaft gilt. Personen urteilen postkonventionell, wenn sie zum Maßstab ihres Urteilens komplexe Konzepte oder Intuitionen rechts- oder moralphi- losophischer Art wie die Vertragstheorie, den Uti- litarismus, die Bergpredigt oder den kategorischen Imperativ bemühen kann. Dieser Theorieansatz ließ eine Reihe von Fragen offen, die die einschlägige Forschung und Theo- rienentwicklung bis heute beschäftigt: Welcher Art ist das Verhältnis von Urteilen und Handeln, von moralischem Wissen und moralischen Gefühlen, von kognitiven und affektiven Faktoren beim Ver- stehen moralischer Sachverhalte? Stellt die Kom- petenz zum moralischen Urteilen eine kognitive Kompetenz mit eigener Semantik dar, die letzten Endes der allgemeinen Entwicklung kognitiver Fä- higkeiten im Sinne Piagets folgt, oder ist sie der strukturierte und mit einer eigenen Semantik ver- sehene Ausdruck bestimmter Typen sozialer Bezie- hungen? Im Sinne der letzten Vermutung hat der Entwicklungspsychologe Selman (1984) eine eben- falls kognitivistische Entwicklungspsychologie in- terpersonalen Verstehens vorgelegt, in der Schritt für Schritt immer reichere Konzepte von Indivi- dualität und Subjektivität erworben werden: von der Einsicht in die Differenz von inneren Zustän- den und äußeren Handlungen, zur Einsicht in die Beobachtbarkeit der eigenen Handlungen und der Einsicht in die Stabilität von Charakterzügen, bis zur Erkenntnis der Wandelbarkeit dieser Eigen- schaften bei sich selbst und anderen. Der Mecha- nismus, um den es dabei geht, ist die soziale Per- spektivenübernahme, also die Fähigkeit von Menschen, tentativ die Sichtweisen und Gefühle anderer bei sich zu realisieren (Selman 1984). Die von Kohlberg behaupteten Stufen des mora- lischen Urteils lassen sich dann als geronnene Hal- tungen darstellen, die vom schlichten Egozentris- mus, der sich moralisch als Egoismus äußert, über den Gruppenkonformismus, der als Konventiona- lismus erscheint, bis zu einer allseitigen Rezipro- zität, die ihren moralischen Ausdruck im Postkon- ventionalismus findet. Damit erweist sich die Fähigkeit der Individuen, sich auf die Perspektiven anderer in kognitiver und affektiver Hinsicht ein- zulassen, d. h. Empathie zu entwickeln, als ent- scheidender Faktor. Die Interaktion zwischen Gleichaltrigen, zumal von Freundschaften (Keller 1996; Fend 1999), der in den neueren Interakti- onstheorien immer größere Bedeutung zugemessen wird, übergeht freilich die noch immer zentrale Thematik der sozialisatorischen Interaktion zwi- schen Kindern und Erwachsenen, zumal zwischen Kindern und Eltern. Moralische Gefühle und sozialer Kontext Die vertiefte empirische Untersuchung der Entwick- lung des moralischen Urteilsvermögens hat freilich gezeigt, dass Kohlbergs Theorie einer vorgebenden präkonventionellen Stufe nicht haltbar ist. Auch kleine Kinder verfügen über ein mindestens kon- ventionell ausgeprägtes moralisches Wissen, haben

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