Handbuch 5. Auflage
108 Hanesch hatten, kehrte später wieder in Armut zurück. Ins- gesamt bildete daher die Gruppe derer, die dauer- haft oder wiederkehrend bzw. mit zeitlichen Unter- brechungen in Armut lebten, mit fast 80% die größte Gruppe unter der Armutsbevölkerung. Während der größte Teil von ihnen dauerhaft in Armut lebt, gelingt es einer Minderheit, zumindest zeitweilig der Armut zu entkommen. Insgesamt signalisieren diese Befunde, dass Armut in Deutsch- land zwar durch eine hohe Mobilität gekennzeich- net ist, jedoch für die meisten Betroffenen kein kurzfristiges bzw. kurzzeitiges Problem darstellt (Grabka et al. 2007). Die Ursachen der anhaltend hohen bzw. steigenden Einkommensarmut werden von strukturellen Er- klärungsansätzen vor allem in einem beschleunigten wirtschaftlichen und sozialen Wandel gesehen, wo- bei – in Ergänzung hierzu – systematische Kon- struktionsmängel im Kernbereich des sozialen Si- cherungssystems sowie eine Neuorientierung staatlicher Arbeits- und Sozialpolitik ebenso zu einer Risikoverschärfung beitragen. Dem gegenüber stel- len ökonomische Erklärungsansätze vor allem ver- haltensbedingte Ursachen in den Vordergrund, wobei auch hier den sozialstaatlichen Sicherungssystemen eine maßgebliche Rolle für die Entstehung und das Andauern von Armut zugewiesen wird. (1) So wird in Erklärungsansätzen auf der Basis von Modellen der neoklassischen Mikroökonomie die Existenz arbeitsmarktbedingter Armut primär da- rauf zurückgeführt, dass bei vielen (Langzeit-)Ar- beitslosen die Motivation zur Aufnahme einer Er- werbsarbeit nicht ausreichend entwickelt sei. Sie seien vielmehr „Opfer“ einer „Arbeitslosigkeits- bzw. Armutsfalle“, die durch „Fehlanreize“ als Folge einer zu großzügigen Gewährung sozialstaatlicher Trans- fers sowie durch „Blockierungen“ eines überregu- lierten Beschäftigungssystems zustande komme. Vor allem ein im Verhältnis zur Einkommenslage bei Erwerbstätigkeit zu hohes Transferniveau („Lohnabstand“) sowie unzureichende Anreize durch zu geringe Freistellungen bei der Einkom- mensanrechnung im Zuge einer Jobaufnahme gel- ten als dafür maßgeblich. Letztlich wird damit die arbeitsmarktbedingte Einkommensarmut als ein Ergebnis „sozialstaatlicher Fehlsteuerung“ und als ein selbstverschuldetes Problem desorientierter ar- mer Personen und Haushalte interpretiert. Die These einer mit den Marktgesetzen kaum zu ver- einbarenden sozialstaatlichen Absicherung und Re- gulierung korrespondiert häufig mit dem Vorwurf, die bestehenden Sicherungsleistungen würden von den Betroffenen „übermäßig“ bzw. „missbräuch- lich“ in Anspruch genommen. Bis heute sind dafür jedoch keine empirischen Nachweise erbracht wor- den. Vielmehr zeigt etwa die Sanktionsstatistik zum SGB II, dass lediglich bei weniger als 2% der Leistungsempfänger Sanktionen verhängt wurden. Dennoch setzen solche Erklärungsansätze darauf, den Arbeitsmarkt zu deregulieren und die Palette sozialer Transfers so umzugestalten, dass der Anreiz bzw. Zwang zur Annahme jedweder Arbeit ver- stärkt wird (IFO 2006). (2) Demgegenüber wird von den Vertretern des „strukturellen Ansatzes“ der Anstieg arbeitsmarkt- bedingter Verarmungsrisiken vor allem auf den Strukturwandel des Arbeitsmarktes zurückgeführt. Vor dem Hintergrund einer anhaltend hohen Mas- senarbeitslosigkeit und eines sich zunehmend ver- festigenden „harten Kerns“ von Mehrfach- und Dauerarbeitslosigkeit konzentrieren sich die Be- schäftigungs- und Einkommensrisiken auf sog. Problemgruppen des Arbeitsmarktes. Aber auch die zunehmende Erosion des Normalarbeitsverhältnis- ses, die in einem sinkenden Beschäftigtenanteil in unbefristeten Vollzeitbeschäftigungsverhältnissen und einem steigenden Anteil in prekären Beschäfti- gungsformen zum Ausdruck kommt, hat die ar- beitsmarktbedingten Armutsrisiken verschärft. Hinzu kommt: Der Anstieg der Massenarbeits- losigkeit hat zu gravierenden Verschiebungen in der funktionellen wie in der personellen Einkommens- verteilung geführt. Durch das relative Zurückblei- ben der Arbeitseinkommen hat sich insbesondere für Empfänger unterer Arbeitseinkommen die Ge- fahr erhöht, in armutsnahe Lebenslagen abzusin- ken. Aber auch der Wandel der Lebensformen hat zu einer Aktualisierung von Armutsrisiken geführt, da das familiäre Schutz- und Sicherungssystem an Bedeutung verloren hat und den Einzelnen anfäl- liger werden lässt gegenüber dem Auftreten all- gemeiner Lebensrisiken. Den wachsenden sozial- ökonomischen Verarmungsrisiken, die aus den skizzierten Entwicklungstrends resultieren, stehen traditionelle Strukturmängel wie aktuelle Verände- rungen sozialstaatlicher Sicherungs- und Interven- tionsformen gegenüber, durch die die wachsenden Armutsgefahren immer weniger aufgefangen und beseitigt werden und die im Kontext des deutschen Sozialstaatsmodells dazustellen sind.
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=