Handbuch 5. Auflage
Nachhaltigkeit 1081 Risiko und reflexive Modernisierung Seit wenigen Jahren scheint die Erkenntnis zu rei- fen, dass soziale Nachhaltigkeit kein Nebenprodukt der ökologischen und ökonomischen Dimension ist, sondern dass der sozial-kulturellen Dimension eine Schlüsselfunktion zukommt, denn Nachhal- tigkeit muss gelebt werden. Sie erfordert eine Ver- änderung von Lebensstilen und Lebensformen und eine Neuorganisation von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Hierauf hatte bereits Meadows 1972 verwiesen. Meadows stellt fest, dass es für viele be- deutsame Probleme in der modernen Welt keine technischen Lösungen gebe, sondern dass es um- fassende soziale Veränderungen brauche (Meadows 1972, 140). Die Risiken des westlichen Wachstums- und Ent- wicklungsmodells sind schon lange zu realen Ge- fahren geworden. Was derzeit zum Ausbruch kommt, kann nicht mehr als „Risiko“ bezeichnet werden, wenn wir darunter systembedingte Ereig- nistypen verstehen, die Vermeidungsregeln unter- worfen werden können, die also kontrollierbar sind. „Risiko“ bedeutet die Vorwegnahme von Ka- tastrophen, wie sie jetzt eingetreten sind (Beck 2007, 20 ff.). Dies schreibt Ulrich Beck zwanzig Jahre nach seinem 1986 veröffentlichten Buch mit dem Titel „Risikogesellschaft“. Seiner Publikation gingen die Chemiekatastrophen von Seveso (1976), Bhopal (1984) und Basel (1986) und die Atomkatastrophen von Harrisburg (1979) und Tschernobyl (1986) voraus. Beck thematisiert die Risiken unkontrollierbarer Großsysteme, kritisiert die rein naturwissenschaftliche Berechnung von Wahrscheinlichkeiten möglicher Folgeschäden so- wie das Ausblenden neuer sozialer Gefährdungsla- gen und deren Ungleichverteilung auch im globa- len Kontext. Am Beispiel Tschernobyl erläutert er die historisch neuen Dimensionen der Gefähr- dungslagen, welche geografische und politische ebenso wie zeitliche Grenzen überwinden. Es han- dele sich zudem oft um irreversible Schädigungen, die, wie das Beispiel atomarer Fallout zeigt, nicht direkt sichtbar sind (Beck 1986, 35). Beck betont 1986 die Wissensabhängigkeit bezogen auf die Gefahren, die er als „Modernisierungsrisiken“ be- zeichnet, und plädiert für neue Formen der Wis- sensproduktion, aber auch für neue Formen der politischen Steuerung und Kontrolle. Das Ausgeliefertsein ist Folge von Machtbeziehun- gen im nationalen und globalen Rahmen. Der Be- griff „soziale Verwundbarkeit“ beschreibt die Mög- lichkeiten, über die Menschen oder Regionen verfügen, um mit Unsicherheiten und Gefährdun- gen umzugehen. „Je marginaler die verfügbaren ökonomischen und politi- schen Optionen sind, desto größer ist die Verwundbarkeit einer bestimmten Gruppe oder Bevölkerung“. (Beck 2007, 318) An den sozial ungleich verteilten Verwundbarkei- ten entzünden sich Risikokonflikte, die zu kriege- rischen Auseinandersetzungen führen können, wie der Kampf um den Zugang zu Wasser und Boden in vielen Weltregionen bereits heute zeigt. Diese zivilisatorischen Folgen des Kampfes einer wach- senden Weltbevölkerung um überlebensnotwen- dige Ressourcen beschrieben 1998 bereits die Sozi- alwissenschaftler Michael Dobkowski und Isidor Wallimann (Dobkowski /Wallimann 1998). In seinem 1993 erschienen Buch „Die Erfindung des Politischen“ beschreibt Beck das Konzept der reflexiven Modernisierung, welches von der Wahr- nehmung der Modernisierungsrisiken ausgeht, die als Kontrastfolien zur Konstruktion von Gegen- entwürfen dienen. Dieses Konzept verabschiedet sich davon, sich Modernisierung als Prozess funk- tionaler Differenzierung und immer weiterer Spe- zialisierung vorzustellen, der Zusammenhänge und Handlungsfolgen ausblendet, und denkt Mo- dernisierung vernetzt und als „Spezialisierung auf den Zusammenhang“ (Beck 1993, 189). Die Poli- tik der reflexiven Moderne ist nach Beck Lebens- politik. Lebenspolitik ist wiederum ein Projekt der Bürgergesellschaft. Sie erfordert kooperative Wis- sensproduktion und die Herstellung von Öffent- lichkeit, eine Entmonopolisierung von „Sachver- stand“ sowie die Öffnung von Diskursen und Entscheidungen für gesellschaftliche Relevanz- maßstäbe sowie nichtwissenschaftliche und nicht- staatliche Akteure. Im Zentrum dieses Wandels steht die Demokratisierung von Wissenschaft und Politik, eine Pluralisierung der Ökonomie, neue institutionelle Arrangements, die Förderung der Selbstorganisation und die Öffnung der Systeme für die Partizipation der Bürgerinnen und Bürger.
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