Handbuch 5. Auflage
1082 Elsen Ökosoziale Transformation Das westliche Entwicklungsmodell hängt von stän- digem Wirtschaftswachstum ab, was sich in einer Welt begrenzter Ressourcen und Aufnahmemög- lichkeiten als unmöglich erweist. Nicht nur die für das westliche Entwicklungsmodell notwendigen Ressourcen werden knapp und die Grenzen der Be- lastbarkeit der Biosphäre (carrying capacity) sind bereits heute überschritten, sondern das gesamte Wirtschafts- und Zivilisationsmodell steht infrage. Fest steht, dass nahezu alle Säulen der industriellen Moderne – insbesondere Wirtschaftswachstum als Versprechen des stetig wachsenden Wohlstandes, der sozialen Sicherheit und gesellschaftlichen Ent- wicklung – ins Wanken geraten oder gar bereits eingebrochen sind. Das Konzept „starke Nachhaltigkeit“ (Ott 2011) erkennt die absoluten Grenzen der Natur an und geht davon aus, dass die derzeitige Entwicklung der Menschheit nicht zukunftsfähig ist. Es geht nicht um einen optimalen Verbrauch (z. B. Faktor X) von Ressourcen, sondern um deren dauerhaften Erhalt über Zeit und Generationen hinweg und diese For- derung gilt für alle Weltregionen. Dieses Konzept verabschiedet sich von der Vorstellung, dass Wachs- tum Wohlstand erzeuge. Das Unbehagen an den immer deutlicher werden- den Begleiterscheinungen des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ist nicht neu. William Nord- haus und John Cobb entwickelten Anfang der 1970er Jahre den alternativen Index „Measure of Economic Welfare“ (MEW), der von John Cobb und Herman E. Daly Ende der 1980er Jahre zum „Index of Sustainable Economic Welfare“ (ISEW) weiterentwickelt wurde. Neben der Einkommens- verteilung und der Berücksichtigung der unbezahl- ten Hausarbeit bringt der Index die sozialen und ökologischen Kosten und die Verschlechterung der Lebens- und Umweltqualität in Abzug. Die aktuellen Ansätze zur Neudefinition gesell- schaftlicher Wohlfahrt fallen zeitlich mit den im- mer deutlicher werdenden systemimmanenten Kri- sen zusammen. Die zentralen Aspekte des Marktversagens – Naturmissachtung und soziale Gleichgültigkeit – stärken weltweit die gesellschaft- lichen Strömungen, die alternative Vorstellungen von Wohlfahrt und einem guten Leben vertreten (Elsen 2013). Begriffe wie postmoderne und post- industrielle Gesellschaft haben nur einen vagen Er- klärungswert hinsichtlich dessen, was nicht mehr sein wird, nicht aber, was an seine Stelle treten wird. Deutlicher ist der Begriff, der sich derzeit aus der kritischen Wirtschafts- und Sozialwissenschaft, aber auch aus Gegenentwürfen zur industriellen Moderne in den öffentlichen Diskurs bewegt, nämlich der Begriff „Postwachstumsgesellschaft“ (Seidl / Zahrnt 2010), der auf objektive Grenzen verweist. Die Tatsache, dass wirtschaftliches Wachstum nicht die Lösung, sondern das Problem ist, setzt alle ge- sellschaftlichen Bereiche in einen radikal veränder- ten Bezugsrahmen. Gleichzeitig verdeutlicht der Begriff „Postwachstumsgesellschaft“ die Erforder- nisse weitreichender ökosozialer Transformations- prozesse (Elsen 2011), die sich auf grundsätzliche Vorstellungen vom Leben, auf gesellschaftliche In- stitutionen und soziale Praktiken bezieht. „Damit ist eine Perspektive der Endlichkeit in den linea- ren Fortschritt eingezogen, die dem modernen Denken fremd, geradezu ungeheuerlich ist. Nicht nur die Roh- stoffe sind endlich, mit ihnen könnten die großen Errun- genschaften der westlichen Moderne zur Neige gehen, als da sind: Marktwirtschaft, Zivilgesellschaft und Demo- kratie.“ (Leggewie /Welzer 2009, 10) Der Klimawandel ist ein Ausblick auf künftige Le- bensverhältnisse und erfordert einen Kulturwandel. In seiner 1999 veröffentlichten Schrift entfaltet Hermann Daly die Idee der Postwachstumsgesell- schaft und der Ökonomie der Wachstumsrück- nahme, da dem Wachstum immer größere Um- welteinbußen, kulturelle und soziale Schäden gegenüberstünden (Latouche 2003, 3; Daly 1999). Die Ökonomie der Wachstumsrücknahme geht aus von einer Reduktion künstlicher Bedürfnisse, der Herstellung gerechter Verteilung und einer ef- fektiveren Ressourcennutzung. Dies bedeutet je- doch nach Daly keine Mangelwirtschaft. Die Einleitung einer erneuten „großen Transfor- mation“ mit ökosozialen Vorzeichen ist das drin- gende Gebot des 21. Jahrhunderts. Ökosoziale Transformation meint eine bewusste Umkehrung dessen, was Karl Polanyi 1944 in seinem wirt- schaftshistorischen Werk „The great Transforma- tion“ als Charakteristikum der kapitalistischen Moderne beschrieben hat, die Entbettung des wirt- schaftlichen Systems aus seinen gesellschaftlichen und natürlichen Einbindungen und die sukzessive
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