Handbuch 5. Auflage

Nachhaltigkeit 1083 Umkehr in Form der Herausbildung eines Wirt- schaftssystems, welches Natur und Gesellschaft vollständig seiner Verwertungslogik unterwirft (Dobkowski /Wallimann 1998; Polanyi 1944). Sozialwissenschaftliche Nachhaltigkeitsforschung Die Erkenntnis der mit den unkontrollierbaren Großrisiken der industriellen Entwicklung verbun- denen zivilisatorischen Gefährdungen, die erkenn- baren absoluten Grenzen des Wachstums und die spürbaren Folgen des Klimawandels gehen mit ei- nem Bedeutungszuwachs sozialwissenschaftlicher Nachhaltigkeitsforschung einher. Im Zentrum ste- hen die notwendigen gesellschaftlichen Innova­ tionsprozesse, die „sozialen Voraussetzungen und Einflussfaktoren, das Wechselverhältnis von Tech- nik und Sozialem, von Innovation und gesellschaft- licher Entwicklung, der institutionelle Kontext und die Interaktion der am Innovationsprozess Be- teiligten.“ (Howaldt / Schwarz 2012, 50) Sozialwis- senschaftliche Nachhaltigkeits- und Innovations- forschung bezieht sich also auf die in der Theorie reflexiver Modernisierung enthaltene Konfronta- tion mit den nicht kontrollierbaren und nicht in- tendierten Risiken der industriellen Entwicklung und des westlichen Lebensstils. Die Anforderungen, die Nachhaltigkeit als kom­ plexer Gegenstand an Methoden und Arbeitswei- sen von Forschung und Entwicklung stellt, sind nicht im Rahmen einer herkömmlichen wissen- schaftlichen Herangehensweise zu erfüllen (BLK 1999). Das deutsche Bundesministerium für Bil- dung und Forschung (BMBF) fördert mit seinem Programm sozialökologischer Forschung seit 1999 z. B. Lösungsansätze gesellschaftlicher Nachhal­ tigkeitsprobleme und setzt dabei auf transdiszi­ plinäre Forschung, die komplexe gesellschaftliche Problemstellungen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Beispiele sind Energie-, Umwelt- und Gesundheitsprobleme. Transdisziplinarität ist kein Theorieprinzip, sondern ein handlungs- und for- schungsleitendes Prinzip und eine wissenschaftli- che Organisationsform. Forschung für Nachhaltig- keit ist integrativ und partizipativ anzulegen. Fachliche und disziplinäre Engführungen werden da aufgehoben, wo aufgrund zu großer Spezialisie- rung die problemlösende Kraft wissenschaftlicher Zugänge verlorengegangen ist. Getrenntes muss da- bei in Beziehung gesetzt werden, um Interdepen- denzen zu erkennen und bearbeitbar zu machen (Spangenberg 2003, 575). Dieser integrative und kooperative Modus der Wissensproduktion wird als „post modern science“ bezeichnet (Funtowicz /Ra- vetz 1993, 739 ff.). Er ist transdisziplinär verfasst, integriert nichtwissenschaftliches Wissen, ist in ver- netzten und heterogenen Formen organisiert und von gesellschaftlicher Verantwortung geprägt. Die Sozialarbeit verfügt über die Tradition der par- tizipativen Forschung und Entwicklung sowie über die Kultur der sozialwissenschaftlichen Aktionsfor- schung im Kontext des Community Development. Während im deutschsprachigen Raum Sozialarbeit diese Methoden ebenso wie die der emanzipatori- schen Gemeinwesenarbeit seit Mitte der 1990er Jahre zugunsten des therapeutischen und manage- mentorientierten Zugangs aufgegeben zu haben scheint, ist das Methodenrepertoire des Commu- nity work (Rubin / Rubin 2008) die wichtigste Ba- sis der Ansätze nachhaltiger Entwicklung (Agenda 21). Bildung für Nachhaltige Entwicklung Nachhaltige Entwicklung bietet viele Anknüpfungs­ punkte für partizipative und innovative Ansätze, die eine Weiterentwicklung und Aktualisierung der Bil- dungsarbeit auf allen Ebenen allgemein und der So- zialpädagogik im Besonderen bedeuten könnten. Seit Anfang der 1990er Jahre nehmen nationale und internationale Empfehlungen zur Bildungs- und Hochschulpolitik Bezug auf die Erfordernisse nach- haltiger Entwicklung. 1994 verabschiedete die Eu- ropäische Rektorenkonferenz die COPERNICUS- Charta, die eine Orientierung der Hochschulen am Leitbild der Nachhaltigkeit forderte. (Die Abkür- zung COPERNICUS steht für Co-operation Pro- gramme in Europe for Research on Nature and In- dustry through Coordinated University Studies.) Als wichtigste Handlungsprinzipien nennt die Charta interdisziplinäre Ausbildungs- und Forschungspro- gramme sowie Netzwerkbildung auf lokaler, regio- naler, nationaler und internationaler Ebene zu ge- meinsamen Projekten der Forschung und Lehre für Nachhaltigkeit. 1998 unterzeichnete die Welthoch- schulkonferenz die „Erklärung über Wissenschaft

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