Handbuch 5. Auflage

Nachhaltigkeit 1085 und die Herausbildung einer ökosozialen Gesell- schaft zu betrachten (Nussbaum 1999). Der erste Schritt bestünde darin, die Diffamierungen struk- turell Ausgegrenzter zu beenden – in Deutschland formuliert seit vielen Jahren die Arbeitgeberseite sozialpolitische Programme und der Sprecher der Arbeitgeberlobby Dieter Hundt verkündet diese – und der Eröffnung von Möglichkeiten der produk- tiven Teilhabe. Überlegungen zu einer bedingungs- losen Grundsicherung sind notwendig, aber nicht ausreichend, um dem näherzukommen. Eine wei- tere Voraussetzung besteht in demokratischen Or- ganisationsformen der Gemeingüter, die Reziprozi- tät, Vertrauen und Verantwortungsübernahme für gemeinsame Belange im Gemeinwesen erleichtern. Wesentlich ist ein Klima der Ermöglichung, wel- ches bürgerschaftliche Verantwortungsübernahme nicht nur rhetorisch propagiert. Lokale Räume könnten zu Entwicklungslaboren möglicher Zu- künfte werden. Dezentralisierte demokratische Organisationsfor- men und Entscheidungsverfahren sowie neue ins- titutionelle Arrangements auf lokaler Ebene sind die Basis ökosozialer Innovationsprozesse (Herz- berg 2009, 186). Lokalisierung und neue Subsidi- arität sind Leitlinien nachhaltiger Entwicklung, da sie integrative Handlungsansätze, Handlungsfol- genabschätzung und Ressourceneffizienz sowie lo- kal-regionale Wertschöpfung gewährleisten. Die Stärkung der lokal-regionalen Ebene ist jedoch in einem Modell der politischen Steuerung und Ver- teilung auf mehreren Niveaus zu denken – bis hin zur globalen Ebene. In einer Welt der entgrenzten Ökonomie können ökologische, soziale und poli- tische Interessen nicht auf nationale, regionale oder lokale Ebenen begrenzt werden. Ein zentrales gesellschaftliches Entwicklungserfordernis sind Ansätze der Solidarökonomie. Ökosoziale Trans- formation verfolgt die Einbettung wirtschaftlicher Aktivitäten in ökologische und gesellschaftliche Zusammenhänge (Elsen 1998, 2007). Die Eigen- produktivität der Natur findet dabei Beachtung und die Biosphäre wird nicht nur als Lebensgrund- lage der Menschen betrachtet. Daseinsvorsorge Mit der Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises (2009) an Elinor Ostrom, ehemalige Professorin für Politikwissenschaften an der Indiana University, Bloomington, haben die ökosozialen und solidar­ ökonomischen Bewegungen unerwarteten Rücken- wind erhalten. Ostrom war die bedeutendste Vertre- terin des „Commons"–Ansatzes. Die (Wieder-) Aneignung, Erhaltung und Bewirtschaftung der Commons (Gemeingüter) könnte die praktische Voraussetzung für ein solidarisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem schaffen (Henning 2010, 42 ff.). Commons sind das natürliche und kulturelle Erbe einer (spezifischen) Gemeinschaft. Dazu zählen nicht nur die natürlichen Lebensgrundlagen – Was- ser, Boden, Wälder, Fischgründe, Luft, Artenvielfalt etc. –, sondern auch soziale Organisationsformen wie öffentliche Räume, Daseinsvorsorge, Sozialversi- cherungssysteme, Gesetze und vieles mehr. „Com- mons“ sind die materielle und immaterielle Basis von Community (Gemeinwesen) (Elsen 2007, 105ff.). Sie bilden die Grundlage produktiver, re- produktiver und kreativer Prozesse. Der gesicherte Zugang zu diesen Grundlagen für alle, unabhängig von ihrer Kaufkraft, ist von höchster sozialpoliti- scher Bedeutung und ihre erhaltende Bewirtschaf- tung ist eine Voraussetzung nachhaltiger ökologi- scher und ökonomischer Entwicklung (Helfrich 2009, 15). Diese Nutzung von Gemeingütern braucht sozialen Zusammenhalt und Bürgerinnen und Bürger, die ihre ökosozialen Rechte mit der Übernahme von Pflichten verbinden. Die Qualität der Beziehung zwischen den Mitgliedern der nut- zenden Gemeinschaften und zwischen diesen und den Lebensressourcen ist Schlüssel zur Entwicklung eines nachhaltigen Lebensmodells. Die Abhängigkeit der Menschen vom Zugang zu diesen Ressourcen garantiert Investoren hohe, langfristige und sichere Renditen, wenn Gemein- güter zu diesem Zweck der Allgemeinheit enteignet und zu veräußerbarem Privateigentum gemacht werden. Die Wiederentdeckung der Commons ist eine Kampfansage gegen den Privatisierungswahn und die bizarren Formen der Plünderung und Ent- eignung von Menschen und Gemeinwesen durch internationale Großkonzerne und deren Lobby. Gemeingüter basieren auf öffentlichen oder ge- meinschaftsbasierten Formen des Nutzungseigen- tums, die nicht ausschließen, sondern den Zugang und nachhaltige Nutzungsmöglichkeiten sichern. Das Recht auf Zugang zu den grundlegenden Ge- meingütern folgt der Prämisse sozialer Gleichheit. Die Teilhabe am Erbe der Natur sowie der sozial-

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