Handbuch 5. Auflage

1086 Elsen  kulturellen Evolution ist ein grundlegendes Men- schenrecht. Die Privatisierung von Gemeineigentum wurde und wird mit der Gefahr des Raubbaus und der mangelnden Sorge der Nutzenden begründet (Har- din 1968, 1243 ff.). Die Übernutzung endlicher Ressourcen ist tatsächlich eine Gefahr, sofern die Nutzung keinen Regeln unterliegt. Elinor Ostrom weist als Antwort auf diese Argumentationen auf die Notwendigkeit eines Gemeineigentumsregimes hin (Ostrom 2009, 218 ff.). Die nachhaltige Nut- zung der Commons erfordert wirksame institutio- nelle Arrangements. Die erfolgreiche Organisation von Gemeingütern beruht nach den weltweiten Untersuchungen Ostroms auf acht Designprinzi- pien. Dazu gehören u. a. eindeutige und akzeptierte Grenzen zwischen legitim Nutzenden und Nicht- nutzern, Sanktionen bei Verstößen gegen verein- barte Regeln, ein präzises Monitoring der Ressour- cen und der Nutzer, lokale Arenen für schnelle Konfliktlösungen und ein Mindestmaß an Rechten der Gemeinschaft, sich eigene Regeln zu geben (Stollorz 2011, 65). Es bedürfe der Schaffung von Institutionen, die Reziprozität, Vertrauen und Ver- antwortungsübernahme im Kontext des bürger- schaftlichen Engagements für gemeinsame Belange erleichtern, da das Verhältnis der Nutzenden zu den Ressourcen wesentlich für eine verantwortliche und gerechte Verwaltung der Gemeingüter sei. Der Gemeingüterbegriff verweist auf eine Mitbesitzer- beziehung, die zugleich eine Mitverantwortungs- beziehung und Mitnutzerbeziehung ist (Helf- rich /Haas 2009, 252). Gemeingüter können Basis und Ergebnis einer soli- darischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung werden. Die Wiederaneignung der Gemeingüter ist mit der Kultur und Praxis der Gemeinwesenökono- mie zu verbinden und als materielle und kulturelle Grundlage eines zukunftsfähigen Gemeinwesens zu gestalten. Diese Perspektive stellt Community De- velopment und Community Organizing in einen zukunftsorientierten Bezugsrahmen. Die sozialpoli- tische Kraft der ökosozialen Transformation beruht auf der Verteidigung lebensnotwendiger Ressourcen und Handlungsoptionen. Eine besondere Organi- sationskraft hat die weltweite Bewegung gegen die Enteignung durch Patentrechte auf Leben. Sozial- politik und Soziale Arbeit könnten einen wesentli- chen Beitrag zur ökosozialen Entwicklung leisten, wenn sie solidarökonomische Selbstorganisation fördern und Handlungsoptionen im Gemeinwesen erschließen (Elsen 2013). Community-Development Integrierte Antworten auf sozialpolitische Entwick- lungserfordernisse verknüpfen das Recht auf soziale Sicherung und die Option der sozialproduktiven Teilhabe der Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen, also in Politik, Ökonomie und Kultur. Ein Beispiel aus der Umweltpolitik, verbunden mit sozialen und demokratisierenden Effekten, sind Energiegenossenschaften, die in kooperativer Selbst­ organisation Kontrolle über die Einspeisung, die Preise und die Gewinnverwendung im Energiebe- reich gewährleisten. Aktivitäten auf der Ebene lokaler Gemeinwesen können nationale und globale Dynamiken zwar nicht außer Kraft setzen (Herzberg 2009, 218), doch sind sie in ihrer Bedeutung auch in Bezug auf Prozesse der ökosozialen Transformation mit größe- rer als nur lokaler Reichweite nicht zu unterschät- zen. Der Raumbezug hebt die Trennung der sozia- len, ökologischen und ökonomischen Sphären potenziell auf. Lokales Agieren, z. B. in den Berei- chen Menschenrechte, Demokratie, Verteidigung von Naturressourcen und Handlungsoptionen, kann globale Reichweite erzielen. Der Kampf gegen die Patentierung des Saatgutes und zur Erhaltung des „Landwirteprivilegs“ verbindet z. B. Bauern weltweit. Bemerkenswert ist in diesem Zusammen- hang die Einladung von Vandana Shiva in die baye- rische Stadt Rosenheim, wo sie zu diesem Thema 2008 vor bäuerlicher Bevölkerung und Traditions- vereinen sprach. Lokale Entwicklung fördert auch die Herausbildung neuartiger lokal-globaler Institu- tionen in der Weltgesellschaft sowie Transformati- onsprozesse innerhalb und zwischen Institutionen und gesellschaftlicher Umwelt (Wobbe 2000). Der Begriff „Gemeinwesen“ impliziert einen Ge­ genentwurf zum Menschen- und Gesellschaftsbild der orthodoxen Marktwirtschaft, deren Rationali- tätskriterien und Koordinationsprinzipien (Elsen 2007, 57 ff.), aber auch zu einem Staatsverständnis, welches sich auf Wettbewerbs- und Wachstumsför- derung sowie Kontrolle und Verwaltung der Bür- gerbelange beschränkt. Viel stärker als bisher ist im Kontext der Arbeit am Sozialen das lokale Gemein- wesen als Ort aktiver Teilhabe und Integration, kol-

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