Handbuch 5. Auflage
Neue Religiösität und Spiritualität 1107 soziologischer Begrifflichkeit (Gebhardt 2002, 2010), eventisiert oder in Szenen, etwa im Internet, vernetzt statt. Offensichtlich haben nicht allein die Kirchen als die etablierten Akteure im religiösen Feld Konkurrenz durch die gut organisierten und inzwischen größtenteils bereits traditionell zu nen- nenden religiösen Sondergemeinschaften bekom- men; vielmehr ist allen Varianten organisierter Re- ligion zusammen Konkurrenz entstanden durch eine Vielfalt von unorganisierten neureligiösen Szenen und individuellen Stilrichtungen, die sich der Popularisierung neuer Religiosität verdanken. Zum individualisierten und unorganisierten Cha- rakter dieser Sorte neuer Religiosität passt auch die Annahme, dass sie durch die verstärkte Thematisie- rung in den Medien Auftrieb erhält. Die Vermitt- lung und Verbreitung durch allenthalben präsente Medien, voran Fernsehen und Internet, könnte auch plausibilisieren, warum Jugendliche, selbst jüngere, hiervon nicht ausgenommen sind. Die neue Religiosität als Jugendphänomen zu charakte- risieren und abzutun wäre allerdings heute ebenso verkehrt, wie es zur Zeit der damals sogenannten Jugendreligionen gewesen ist; damals wie heute sind nicht die Jugendlichen die primären Akteure und Adressaten der vielfältigen Formen neuer Reli- giosität, sondern Menschen im frühen und mitt- leren Erwachsenenalter. Doch sind nach wie vor Jugendliche mit dabei. Empirische Studien zur populären Religion sind zahlreich von Knoblauch (2009) zusammengetra- gen, sie überschneiden sich jedoch zu einem erheb- lichen Teil mit den zahlreichen Studien zur Spiri- tualität, die im folgenden Abschnitt vorgestellt werden; und Knoblauch selbst (2009, 119) findet Spiritualität den „passenderen Ausdruck, nicht nur, weil er weiter ist als das New Age, sondern auch, weil er die christlichen erfahrungsorientierten Be- wegungen mit einbezieht“. „Spirituelle Revolution“ – auch in Deutschland? Buchtitel wie „Spiritual, But Not Religious“ (Ful- ler 2001), „The Spirituality Revolution“ (Tacey 2004) oder „The Spiritual Revolution“ (Hee- las /Woodhead et al. 2005) bringen ein neues Eti- kett in die Diskussion, unter dem weite Teile der gegenwärtigen populären neuen Religiosität ge- fasst werden. Die Selbstbezeichnung „spirituell“ hat eine enorme Konjunktur erfahren, besonders in den USA. Für die USA liegen einigermaßen verlässliche empirische Daten vor. Besonders mar- kant sind die Selbsteinschätzungen als „spiritual, but not religious“ oder „more religious than spiri- tual“, die binnen zweier Jahrzehnte von ca. 20% auf ca. 30% gestiegen sind. Marler und Hadaway (2002) haben für die USA Ergebnisse aus einer Reihe von Studien zusammengestellt, aus denen sich im Vergleich Hinweise darauf ergeben, dass sich zwischen 18% und 20% der Menschen in den USA als „spiritual, but not religious“ bezeich- nen. Ergebnisse der International-Social-Survey- Programme (ISSP), Religion III, in der 2008 erst- mals mit vier Fragen nach der spirituellen Selbsteinschätzung gefragt wurde, zeigen Zustim- mungen zu dem Satz „I don’t follow a religion, but consider myself to be a spiritual person interested in the sacred or the supernatural“ von 24% der Befragten in den USA. Differenzierte und etwas höhere Werte ergeben sich aus eigenen Berech- nungen der Daten des Religionsmonitors (Bertels- mann 2008): 25,9% der Protestanten, 33,3% der Katholiken, 39,0% Mitglieder anderer Religions- gemeinschaften und 47,8% ohne Religionszuge- hörigkeit sind als „mehr spirituell als religiös“ zu identifizieren. Als Ergebnis eines rein quantitativ-kulturverglei- chenden Vorgehens dokumentieren Houtman und Aupers (2007) einen Trend zu einer „post-Chris- tian spirituality“ in zwei Jahrzehnten in den meis- ten der 14 Länder, für die sie die immense Daten- basis der World Value Survey ( N =61.352) ausgewertet haben. Auf der Grundlage von Fragen zum Gottesbild (nicht-personales Gottesbild bzw. eine Art von Geist oder Lebenskraft etc.), New- Age-Präferenz und Ablehnung traditionaler christ- licher Glaubensinhalte, aber zugleich Ablehnung von säkularem Rationalismus zeigt diese Re-Ana- lyse einen klaren Trend in den meisten der unter- suchten Länder. Heelas und Woodhead (Heelas /Woodhead et al. 2005) dokumentieren für eine mit einem ethnolo- gischen Methodenmix längsschnittlich untersuchte Kleinstadt in England einen enormen Zuwachs an esoterischen, New-Age-orientierten und alternativ- medizinischen Angeboten und ebenso der spiritu- ellen Orientierungen der Bewohner. Mit dieser Studie aus England rückt die spirituelle Revolution
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