Handbuch 5. Auflage

1108 Streib  (wenn es denn eine ist) näher auf Deutschland zu. Speziell zur spirituellen Lage in Deutschland liegen erste Ergebnisse aus jüngerer Zeit vor: Hier war es der Religionsmonitor (Bertelsmann 2008), der zum ersten Mal für Deutschland außer einer Self- Rating Scale für Religiosität eine solche für Spiri- tualität ins Instrument aufgenommen hat. Die da- raus errechneten Werte für diejenigen, die sich als „mehr spirituell als religiös“ einschätzen, sind mit 10,1% Protestanten, 8,7% Katholiken, 5,3% Mitgliedern in „Freikirchen“ und 16,7% Mitglie- dern in anderen christlichen Gemeinschaften (Or- thodoxe Kirche, charismatische Gruppen) erstaun- lich. Wir können demnach für ca. 10% von Mitgliedern in religiösen Gemeinschaften aller Art und auch für Konfessionslose in Deutschland an- nehmen, dass sie sich mit Spiritualität eher identi- fizieren als mit Religion. Die ISSP-Daten für 2008 liegen mit etwa 11,5% „spirituell, aber nicht religiösen“ Antworten nur leicht höher, weisen aber gerade für die Konfessi- onslosen einen deutlich höheren Anteil von 14,2% aus. Letzteres, dass Konfessionslose höhere Präfe- renzen für Spiritualität aufweisen, ist nur für dieje- nigen überraschend, die von der Annahme aus- gehen, dass Menschen ohne Mitgliedschaft in einer religiösen Organisation keine Religion haben kön- nen. Aus der Altersverteilung der Identifikation mit Spiritualität ist aus den ISSP-2008-Daten er- kennbar, dass 18- bis 20-Jährige niedrigere Zu- stimmungen (12,9% dieser Altersgruppe) ver- zeichnen als die 25- bis 30-Jährigen, die mit 18,1% höher liegen, und dass die Zustimmungskurve bis zu den 40-Jährigen hoch bleibt, um dann wieder zu sinken. Aufgrund dieser Ergebnisse kann nicht auf Spiritualität als Jugendphänomen geschlossen werden. Die Ergebnisse aus eigener Forschung fügen sich in das Bild der großen Surveys gut ein und ergänzen dieses. Die Bielefelder kulturvergleichende Studie über Dekonversion wurde 2005 abgeschlossen und hat mit einer quantitativen Samplegröße von N =1.196 und 99 narrativen und Faith-Develop- ment-Interviews Dekonvertiten in Deutschland und den USA, die sich aus einer großen Vielfalt von religiösen Gemeinschaften und Gruppen ge- löst haben, vergleichend untersucht. In unserem Fragebogen wurde u. a. auch die Frage nach der Selbsteinschätzung als „spirituell“ gestellt. Als „mehr spirituell als religiös“ bezeichnen sich 18,3% der Mitglieder in religiösen Gemeinschaften in Deutschland. Diese Werte liegen deutlich höher als die im Religionsmonitor oder in der ISSP erhobe- nen. Die Differenz kann größtenteils damit erklärt werden, dass wir keine Konfessionslosen, sondern nur Mitglieder in Religionsgemeinschaften und darunter überrepräsentativ Mitglieder in NRM in unserem Sample haben. Für Mitglieder in den gro- ßen Kirchen beträgt der Anteil der „mehr spirituel- len“ Menschen 13,2%, ist also vergleichbar. Die Überraschung unserer Studie sind jedoch die De- konvertiten, die sich in Deutschland zu 36,5% als „mehr spirituell als religiös“ zu erkennen geben. Man kann dies zu einem Teil damit erklären, dass die Identifikation mit dem Etikett „religiös“ einem Menschen weniger leicht fällt, der sich vor nicht allzu langer Zeit von einer religiösen Gemeinschaft gelöst hat, und sich für viele Dekonvertiten Spiri- tualität als Alternative anbietet, sofern sie der reli- giösen Welt nicht ganz den Rücken gekehrt ha- ben. Im Bezug auf Spiritualität als Selbstbezeichnung al- lerdings bleiben viele Fragen offen, allen voran die nach der Semantik von Spiritualität in unterschied- lichen Milieus und Kulturen. In einem christlichen Kloster, einer buddhistischen Gruppe, einem neo- schamanischen Workshop oder in einem esoteri- schen Internet-Blog wird vermutlich jeweils eine andere Semantik von Spiritualität vorherrschen. Man kann auch nicht davon ausgehen, dass Spiri- tualität in den USA dieselbe Bedeutung wie in Europa hat. Auch stellt sich die Frage, ob Spiritua- lität nicht für viele Menschen so etwas wie die Wahl des kleineren Übels ist, weil sie sich mit in- stitutionalisierter Religion nicht (mehr) identifizie- ren können. Insgesamt also wäre die Rede von einer spirituellen Revolution in Deutschland überzogen. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass eine genauere semanti- sche Untersuchung in der Vielfalt der subjektiven Konnotationen auch solche Varianten identifiziert, die nicht ins Profil von Esoterik und New Age passen. Aber so viel kann als hinreichend gesichert gelten: In der religiösen Landschaft auch der Bun- desrepublik Deutschland hat eine Veränderung stattgefunden; neue Religiosität, die sich selbst mit dem Etikett Spiritualität identifiziert, hat Markt- anteile und Attraktivität im religiösen Feld erreicht, die nicht länger ignoriert werden können.

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