Handbuch 5. Auflage
1110 Streib De-Institutionalisierung von Religion Neue Religiosität ist ein Ergebnis der De-Institu- tionalisierung von Religion (Streib 2007). Man kann von einem „Nachlassen der normativen Inte- grationskraft der christlichen Groß-Kirchen“ (Feige 2010, 917) sprechen oder, mit Kaufmann (1989, 86) davon, dass es Religion im Sinne einer Instanz oder eines zentralen Ideenkomplexes, die alle eins- tigen Funktionen von Religion „in und für die Mehrzahl der Zeitgenossen plausibler Weise zu- gleich zu erfüllen“ in der Lage wären, nicht mehr gibt. Institutionalisierte Religion in diesem all- umfassenden Sinn ist in unserem Kulturkreis in die Krise bzw. in die Nische geraten. Religion, die sich dem oben entfalteten weiten Religionsbegriff entsprechend Transzendenzerfah- rungen verdankt, ist jedoch nicht verschwunden, vielmehr aus der Institution in die Privatsphäre verlagert, und somit weitgehend „unsichtbar“ ge- worden (Luckmann 1991). Man kann dennoch ein Weiterbestehen von „Bedürfnissen nach nicht-ra- tionalen und technologisch nicht determinierten, vielmehr auf Transzendenz ausgerichteten Modi der Verarbeitung des Erlebens von Kontingenz“ er- kennen (Feige 2010, 917). Nur sucht diese sich eher jenseits der Kirchen ihre Ausdruckgestalten, die jedes Individuum selbst wählen kann – und wählen muss (Berger 1979). Die neue Religiosität der spirituell orientierten, wie auch die neue Reli- giosität derer, die in einer neureligiösen Gruppe Halt suchen, und selbst Formen neuer Religiosität, die im Kontext der Kirchen ein Zuhause finden, folgen dem Muster der de-institutionalisierten Re- ligionswahl und -bricolage. Veränderung im religiösen Feld Die neue Religiosität erfordert neue Überlegungen zur Konstruktion des religiösen Feldes. Denn mit der neuen Religiosität haben die etablierten Anbie- ter oder Akteure im religiösen Feld, nach Weber (1921), Troeltsch (1912) und Bourdieu (1971a; 1971b) die großen Kirchen und traditionellen Sek- ten, Konkurrenz bekommen. Allerdings scheint es sich hier eher um eine „leise Konkurrenz“ zu han- deln, die sich von etablierten Akteuren darin un- terscheidet, dass nicht die akkumulierten Ressour- cen von Institutionen (Tradition, Personal und ökonomisches Kapital) im Wettbewerb um An- hänger ausgespielt werden können; vielmehr sind dies individualisierte und okkasionelle Prozesse des Suchens und Findens von Heil(ung) für das eigene Selbst und für die Welt, die die traditionelle Dyna- mik zwischen Priestern und Laien unterlaufen, in- dem jeder Einzelne zum Akteur wird oder werden kann. Diese Erkenntnis ist nicht ganz neu: Bereits Weber und Bourdieu haben eine dritte Gruppe von ideal- typischen Akteuren im religiösen Feld gesehen: die Magier. Interessant und produktiv für die gegen- wärtige Diskussion um neue Religiosität und Spiri- tualität ist Troeltschs (1911; 1912) Identifizierung dieser dritten Gruppe von Akteuren mit der (christlichen) Mystik. Troeltsch bezeichnet die Mystik als „spirituelle Religion“, die sich dem Be- stehen auf eine direkte, innerliche und gegenwär- tige religiöse Erfahrung verdankt und sich in Eks- tase, Visionen und frommer Innerlichkeit manifestiert. Bestimmte Formen der Mystik, so weist Troeltsch bereits für die Geschichte der Mys- tik in Europa nach, entwickelten eine Feindschaft gegenüber der kirchlich verfassten Religion. Man kann, an Troeltsch anschließend, jedoch nicht nur im Rückblick auf die Geschichte der Religion, sondern im Blick auf die Gegenwart durchaus von Mystik und Spiritualität als de-institutionalisierte Ausdrucksgestalten von Religion oder mit Parsons (1999) von „unchurched mysticism“ sprechen. Das religiöse Feld ist, darin besteht die Dynamik eines Feldes, in stetem Wandel. Es muss demnach er- weitert und an die gegenwärtige Religiosität ange- passt werden (Streib /Hood 2010). Die neue Reli- giosität ist Teil des religiösen Feldes, gehört allerdings in einen eigenen Bereich, den man das Segment unorganisierter Religion nennen kann. Kriterien aus religionspsychologischer Sicht und Beratungsbedarf Wenn wir abschließend von der deskriptiven und konzeptionellen Annäherung an das Phänomen der neuen Religiosität weiterschreiten zu Fragen ihrer Bewertung und Einschätzung des Beratungs- bedarfs, soll eine streitbar diskutierte Frage im Vor- dergrund stehen: Ist bei Kontakt zu bzw. Mitglied- schaft in neureligiösen Gruppen der Verlust von
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